Wenn Rosen vom Himmel fallen Spätsommer in Finnland ...Einige Wolken, hellgrau wie poliertes Aluminium, zogen mit dem warmen Wind von Westen heran, die Wasseroberfläche überzog sich mit einer leichten Orangenhaut, während wir frisch gebadet und wieder gut gelaunt zurück zu unserem Camp marschierten. Trockene Blätter raschelten am Boden, ein kleiner bunter Vogel hüpfte aufgeregt vor unseren Füßen davon. Die Luft roch nach Harz und Rauch, hoch oben über den Wolken hinterließ ein Flugzeug zwei weiße Streifen, die sich Sekunden später in Nichts auflösten. Ich nahm Britta fest in den Arm und wir machten es uns auf unserer weichen Decke gemütlich. „Mach dir keine Sorgen, mein Schatz, es ist alles in Ordnung. Jetzt schlafen wir erst einmal bis morgen früh. Vielleicht können wir nach dem Aufwachen dort weitermachen, wo wir vorhin aufgehört haben, oder?“ Sie nickte und lächelte mich verschwörerisch an. Ich hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Haare, sie schnurrte wie eine müde Katze und kuschelte sich noch näher an mich. „Nach dem Frühstück fahren wir dann gemütlich weiter, schauen uns in Oulu die Altstadt an und gehen am Abend in einem feudalen Restaurant essen“, fuhr ich leise flüsternd fort. „Wir haben noch viel Zeit für uns und nach den langen entbehrungsreichen Jahren als Herr Robinson und Frau Freitag hier auf unserer einsamen Insel haben wir uns wahrhaftig etwas Luxus und Komfort verdient, oder?“ Ich strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn und deckte sie gut zu. Eine Minute später war sie tief und fest eingeschlafen. Zusammengerollt wie ein Baby lag sie in meinem Arm, atmete tief und ruhig. Die Welt schien wieder in Ordnung, die stahlgraue Nacht schlich sich auf leisen Sohlen davon und machte einem neuen, ungewissen Tag Platz. Der laue Wind wurde stärker, kurze Böen fegten über das Wasser und ich lauschte den kleinen Wellen, die gegen die Steine des Ufers rauschten. Ich rückte noch näher an Brittas warmen Rücken und stopfte die Decke unter unsern Körpern fest. Ein feines Sirren wie von einer gespannten Saite erfüllte die Luft, immer, wenn der Wind auffrischte, ein rhythmisches Schnarren, das ich nicht einordnen konnte, war irgendwo über mir. Sollte ich mir wegen des Wetters wirklich Sorgen machen? War etwa Regen zu erwarten? Ein wenig „Outdoor – Erfahrung“ hatte ich schon, aber das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Regen? Unmöglich! Vorsichtig löste ich meinen Arm aus Brittas Halsbeuge und drehte mich leise auf den Rücken, um mir die am Himmel vorbeiziehenden Wolken etwas genauer anzuschauen. Und plötzlich traute ich meinen Augen nicht mehr! Im grauen Licht des Morgens erkannte ich etwas zwischen den dunklen Ästen, das da ganz sicher nicht hingehörte. Da hing etwas im Baum! Direkt über mir zwischen den Ästen und pendelte leicht hin und her. Eine Vogelscheuche, ein Sack, ein verirrtes Segel? Ich setzte mich auf, starrte nach oben, schaute zur Seite und wieder nach oben. Und plötzlich gab es keinen Zweifel mehr! Direkt über meinem Kopf baumelte ein Körper! Ich wagte kaum zu atmen, saß wie versteinert auf unserer Decke. Um Himmels Willen, ein Mensch, der irgendwie in Seilen und Schnüren verstrickt über einem dicken Ast hing! Mit den Füßen nach unten. Hat man ihn dort aufgehängt? Ein gruseliger Schauer lief mir über den Rücken, während ich auf meiner Decke unbewusst etwas zur Seite rutschte. Ich holte tief Luft, rieb mir die verschlafenen Augen und schaute wieder hinauf zu dem Ast. Tatsächlich, dort hing ein Mann in irgendeinem Gestell, drei, vier Meter über uns, schwankte im Wind und blutete aus einer Wunde am Hals. Die sirrenden und schnarrenden Geräusche, die ich vorhin nicht orten konnte, kamen von den gespannten Seilen und Leinen, die der böige Wind dort oben zum Schwingen brachte. Mein Mund fühlte sich an wie ein staubtrockenes Wadi in der Sahara, mein Herz schlug bis zum Hals und Schweiß sammelte sich in meinen Händen und im Genick. Ich versuchte aufzustehen, hatte aber Bedenken, dass mir meine Beine den Dienst versagten. Also krabbelte ich auf Händen und Füßen davon, fasste mit den Fingern in feuchte Stellen auf unserer Decke und erkannte, dass es warmes, frisches Blut war. „Das waren also die verdammten Blutstropfen“, murmelte ich und versuchte Britta unter der leicht hin und her pendelnden Gestalt wegzuziehen. „Verfluchte Scheiße, was macht der Kerl dort oben?“, stöhnte ich, während ich die Decke mit der schlafenden Britta hastig weiterzog. Nicht eine Sekunde hatte ich bisher den tropfenden Burschen dort oben aus den Augen gelassen, während der zunehmende Wind den Mann in immer größere, halbkreisförmige Bewegungen versetzte. Von der Aufregung um sie herum war Britta wach geworden, machte die Augen auf und schaute ohne Vorwarnung von unten auf dieses grässliche Bild über ihrem Kopf. Wie von einer Tarantel gestochen sprang sie auf, verließ den Platz unter dem tropfenden Mann und stellte sich zitternd neben mich. „Was hat das zu bedeuten, Castro, was macht der Mann dort oben? Ist der tot?“ Ich zuckte die Schulter, sagte kein Wort und starrte nur zu diesem Mann, der dort schon lange, seit vielen Stunden hängen musste. Ganz sicher war er schon vor uns hier auf der Insel gelandet, hatte uns beobachtet, hatte zugesehen, wie wir vorhin,… direkt unter ihm,… Scheiße, wen interessiert das jetzt? „Das kann nur ein Fallschirmspringer sein!“, sagte ich und trat noch einige Schritte zurück. „Der ist hier im Baum hängen geblieben und hat sich verletzt. Sieh doch, das dort oben im Wipfel ist sicher der Rest von seinem Fallschirm.“ Zwischenzeitlich hatten wir uns rasch Jogginghose und T-Shirt übergezogen, die Decken, Schlafsäcke und unsere wenigen Habseligkeiten aus dem Bereich des schwankenden Mannes entfernt und starrten unverwandt nach oben. Einige Tropfen fielen zur Erde, doch es war nur Regen. Ich wollte nachdenken, musste mich konzentrieren. „Irgendetwas müssen wir machen“, sagte ich zu Britta und schüttelte sie an den Schultern. „Was sollen wir tun? Was meinst du? Wir müssen die Polizei holen, oder?“ Noch immer redete Britta kein Wort, starrte nur mit weit aufgerissenen Augen zu diesem schwankenden Mann hinauf und begann, ganz leise irgendetwas Unverständliches zu murmeln. Die eintönigen, leisen Worte klangen wie ein Gebet, aber das konnte ich nicht glauben. Ich zermarterte mir das Gehirn, doch mir wollte kein klarer Gedanke gelingen. Es begann stärker zu regnen. Dicke Tropfen klatschten auf meine Stirn. In rasender Geschwindigkeit trieb der Wind nun schwarze Wolken am Himmel zusammen und rauschte fauchend durch die Blätter der Bäume. Ich war noch immer wie gelähmt, hatte Brittas Hand umklammert und starrte nach oben. Was sollten wir machen? Verdammt, irgendetwas musste geschehen, aber ich war noch immer zu keiner vernünftigen Reaktion fähig, meine Gedanken flimmerten wie die Sterne in dem bekannten Bildschirmschoner ziellos durch eine schwarze Unendlichkeit. Mein Genick wurde steif und kalter Schweiß unter meinem Hemd ließ mich frösteln. „Scheiße, der lebt noch“, flüsterte Britta plötzlich, „ich habe gesehen, wie er eine Hand bewegt hat, da, jetzt schon wieder!“ Sie suchte und fand meinen Arm und klammerte sich daran fest. „Siehst du, die Finger, schon wieder haben sie sich bewegt! Um Himmels Willen, der ist gar nicht tot!“ Der Wind hatte den Mann gedreht, der in einem dunkelblauen Overall steckte und einen voluminösen Rucksack auf dem Rücken hatte. Sein Kinn war auf die Brust gesunken, unter einer dunklen Lederkappe hingen einige Haarsträhnen in sein Gesicht. Die schweren Springerstiefel schlugen mit den Hacken zusammen und sein Blut tropfte unaufhörlich aus einer Wunde am Hals. Plötzlich hatte ich mich wieder im Griff. „Wir holen ihn da runter“, entschied ich, „vielleicht können wir ihm noch helfen!“ Ich steckte mir das Taschenmesser in die Hose und kletterte hinauf in die Birke. Minuten später hatte ich alle Haltegurte zum Fallschirm bis auf einen durchtrennt, und ließ den Verletzten vorsichtig zu Boden. Er zeigte keine Reaktion, bewegte nur einmal noch die linke Hand, zuckte mit den Fingern. „Dort hinter dem dicken Stamm liegt noch eine Ledertasche von dem Mann“, rief ich von oben und zeigte auf einen Platz hinter unserer Lichtung. Britta nickte nur, nahm den verletzten Mann am Boden in Empfang und legte ihn vorsichtig auf unsere Decke. „Schnell, komm wieder runter, der atmet noch, aber nur ganz schwach. Wir müssen ihn von seinen Gurten und Klamotten befreien. Ich brauche das Messer!“ Britta hatte sich wieder gefasst, war Herr der Lage, traf schnelle und richtige Entscheidungen. Vorsichtig öffneten wir seine Kleidung, befreiten ihn vom Rucksack, der Lederkappe und den Gurten und verbanden seine Wunden. Doch wir konnten ihm nicht mehr helfen. Nur einmal schlug er kurz die Augen auf, schaute uns fragend an, röchelte und flüsterte irgendetwas Unverständliches, spuckte dunkelrotes, mit Speichel vermischtes Blut, ließ den Kopf zur Seite sinken, während sich sein Körper mehrmals hoch aufbäumte, Arme und Beine unkontrolliert zuckten und Blut aus Nase und Ohren strömte. Aus den drei grässlichen Wunden am Hinterkopf, am Hals und im Oberschenkel hatte er im Laufe der vielen Stunden zu viel Blut verloren. Zwanzig Minuten, nachdem wir ihn vom Baum geholt hatten, war er tot. Erschüttert knieten wir neben der Leiche, drückten einem fremden Mann die Augen zu, von dem wir nichts, nicht einmal den Namen kannten. Und jetzt? Trauer, Angst und Verzweiflung trübten unsere Entschlusskraft, während der Regen immer stärker wurde. Der Motor eines Fahrzeuges brummte irgendwo drüben am Ufer, zwei Krähen hatten sich im Wipfel des Baums niedergelassen und zupften krächzend an den Resten der weißen Fallschirmseide. „Wir müssen den Mann beerdigen“, forderte Britta nach einer Weile und suchte nach einer geeigneten Stelle in der Umgebung. „So können wir ihn hier nicht liegen lassen!“ Ich nickte, aber dann wurde mir klar, dass wir weder einen Spaten noch sonst irgendetwas zum Graben in der harten steinigen Erde der Insel zur Hand hatten. „Das schaffen wir nicht“, stellte ich dann fest, „wir decken ihn provisorisch mit Zweigen zu, paddeln zurück zum Auto und benachrichtigen die Polizei. Die soll sich dann um alles Weitere kümmern.“ Wir begannen Äste und Zweige zu sammeln und bedeckten damit den toten Mann. Dann legten wir seine Kleidungsstücke zu einem Bündel zusammen, breiteten den zerschlissenen Fallschirm über das provisorische Grab und beschwerten die Ränder mit dicken Steinen. Der Regen wurde immer stärker, der heftige Sturm überspülte mit kniehohen Wellen den steinigen Strand. „Sollen wir nicht mal kurz die Taschen und den Rucksack durchsuchen? Vielleicht findet sich ein Hinweis auf die Identität des Toten!“, schlug ich vor und erinnerte mich dann an die braune Ledertasche, die ich vom Baum aus gesehen hatte. „Später, mein Lieber. Erst einmal weg von hier, so schnell wie möglich. Soll sich doch die Polizei um die Identität des Toten kümmern! Ich bin froh, wenn ich diesen unseligen Fallschirm-Springer-Friedhof endlich nicht mehr sehen muss. Außerdem bin ich nass wie eine Seerobbe, will mich duschen, umziehen und brauche dringend einen heißen Kaffee“, erwiderte Britta und begann unsere nassen Sachen einzupacken. Ich schleppte die Jacke des Toten, seinen Rucksack und die Ledertasche zum Boot, bastelte aus zwei Birkenzwei-gen ein provisorisches Kreuz, steckte es in die weiche Erde neben den geschundenen Kopf des Toten, räumte den Lagerplatz so gut wie möglich auf, warf noch einen kurzen Blick auf das sonderbare Grab unter den Birken und schob unser schwer beladenes Boot zurück ins Wasser. Es war schon fast acht Uhr, als wir müde, erschöpft und bis auf die Haut durchnässt am Strand vor unserem Parkplatz ankamen. Ich schnappte mir die Vorleine, watete ans Ufer, um das Schlauchboot aus dem Wasser zu ziehen. „Wo hast du denn den Wagen geparkt?“, fragte Britta, sprang an Land und half mir, die Gepäckstücke auszuladen. „Dumme Frage“, antwortete ich etwas ungehalten, „da, wo wir ihn verlassen haben, wo sonst?“ „Okay, du Superschlauer, dann würde ich mich freuen, wenn du ihn mir zeigst! Ich habe heute weiß Gott keine Lust mehr auf alberne Spielchen, verstehst du?“ Wütend drehte ich mich um, blickte über den Parkplatz. Der Wagen war weg! „Das ist unmöglich“, fluchte ich leise und suchte weiter das überschaubare Gelände ab. Nichts, nur grauer, warmer Regen, der schräg vom Himmel fiel! Der Platz unter der weit ausladenden Erle dort drüben war leer, weit und breit kein Fahrzeug, kein Mensch, keine Spur. Das konnte nicht wahr sein! Nein, unmöglich! Bitte nicht! Nicht heute, nicht jetzt, nicht nach dieser grauenhaften Nacht! Ich ließ den schweren Rucksack fallen, den ich noch immer in der Hand hielt, lief nach oben, erreichte die Stelle, wo die Reifen und Stützen des Fahrzeugs tiefe, wassergefüllte Abdrücke hinterlassen hatten, zuckte hilflos mit den Schultern und kam zurück zum Boot. Fassungslos schaute ich Britta an, dachte kurz über die Möglichkeit nach, dass wir vielleicht an einer anderen Stelle geparkt haben könnten, verwarf diese Idee aber sofort wieder, setzte mich verzweifelt auf den Rand unseres Bootes und begann zu überlegen. Der Wagen war verschwunden, unser Wohnmobil hatte sich in Luft aufgelöst, das schien so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber wie? Und wohin? Nochmals sprang ich auf, lief nach oben bis zur Landstraße, erkannte unsere Reifenspuren von dort hinunter zu unserem Stellplatz. Von dort verfolgte ich dann die Abdrücke der Räder im weichen, nassen Sand, die den Parkplatz in einem weiten Bogen verließen, die Schotterstraße erreichten, links abbogen und sich im Nichts verloren. Regenwasser begann, die verlassenen Spuren zu füllen, in wenigen Minuten würde nichts mehr zu erkennen sein. „Spurlos verschwunden ist wohl nicht die richtige Beschreibung für diesen Vorgang“, murmelte ich dümmlich vor mich hin und setzte mich wieder auf den Bootsrand. Minutenlang redete keiner von uns beiden ein Wort, starrten wir nur auf die Stelle, wo noch vor Stunden unser rollendes Zuhause gestanden hatte. Regenwasser tropfte aus den Haaren, Feuchtigkeit kroch langsam durch die Haut in unsere Körper, Wut, Kälte und Enttäuschung ließ uns zittern. „Irgendein Drecksack hat uns die Kiste geklaut, hier vom Parkplatz“, schätzte Britta die beschissene Situation richtig ein, wobei sie jede Silbe einzeln und laut betonte. „Das ist passiert, während wir auf dieser Scheißinsel miserabel gebumst, dann einen blutenden Fallschirmspringer aus den Bäumen geschnitten, und später seine Leiche mit Birkenzweigen beerdigt haben. Ist das soweit richtig?“ Sie holte tief Luft und wischte sich den Regen aus dem Gesicht. „Tolle Leistung! Jetzt fehlt nur noch, dass die Bullen vorbeikommen, in den Rucksäcken Drogen oder Sprengstoff finden, uns den Mord an diesem Arschgesicht anhängen und uns deshalb lebenslang in den Knast stecken!“ Britta schien sauer, und das nicht zu Unrecht. Und wenn sie so richtig sauer war, konnte sie auch mächtig ordinär sein, das wusste ich. Aber so hatte ich sie noch nie erlebt. Wütend marschierte sie am Ufer hin und her, schüttelte sich das Wasser aus den Haaren und blieb abrupt vor mir stehen. „Außer unseren Papieren hier in meinem Brustbeutel haben wir nichts mehr, absolut nichts“, erklärte sie mir mit scharfer Stimme, „nichts zu Essen, nichts zu Trinken, nichts zum Anziehen. Kein Handy, kein Geld, kein Dach über dem Kopf!“ Sie setzte sich wieder auf den Rand des Bootes. Nach einer Weile schlug sie die Hände vor die Augen und begann leise zu weinen. Der Wind heulte über den aufgewühlten See und jagte dunkle Wolken über unseren Köpfen nach Osten. „Mach dir keine Sorgen, mein Schatz“, versuchte ich sie zu trösten, nahm sie ganz sachte in den Am und redete leise und vorsichtig auf sie ein. Sie schluchzte und ihre nassen Haare klebten an meinem Hals. „Das geht schon wieder in Ordnung. Wir warten oben auf der Landstraße, bis uns ein freundlicher Mensch bis zur nächsten Polizeistation mitnimmt, dann berichten wir den Beamten dort über alle Vorgänge, nehmen uns ein Hotel und warten. Die finden unser Auto schon wieder, bringen es uns zurück und wir fahren weiter, okay?“ Sie atmete tief und gleichmäßig, während sie mir zuhörte und mit dem Fuß konzentrische Kreise in den nassen Sand zeichnete. Der Regen ließ ein wenig nach, die Wellen schoben schmutzig braunen Schaum an den Strand. Das monotone Brummen eines Flugzeugs war über den Wolken zu hören. Plötzlich verkrampfte sich ihr Körper an meiner Schulter, mit einer hastigen Bewegung strich sie sich die nassen Haare aus der Stirn. „Ich soll mir also keine Sorgen machen, ja? Ist es das, was uns hier wieder raus hilft, du Sprücheklopfer?“ Britta hatte sich aus meinem Arm befreit, war aufgestanden und hatte sich vor mir aufgebaut. Die Hände zornig vor der Brut verschränkt, starrte sie mich an. „Ich, Britta Moosmüller, rund ein halbes Jahrhundert an Jahren alt, verheiratet mit einem erfolgreichen Rechtsanwalt, erwachsene Kinder, schickes Eigenheim und gut gefülltes Bankkonto, ich stehe hier mit einem Dummschwätzer als Liebhaber nördlich des Polarkreises in Finnland, habe zum ersten Mal in meinem Leben vor einigen Stunden einen schwer verletzten Fallschirmspringer aus dem Baum geschnitten, eine Leiche gesehen und beerdigt, bin überfallen und ausgeraubt worden, stehe hilflos, ohne Geld und Auto, dafür aber klatschnass und frierend in der finnischen Einöde und soll mir keine Sorgen machen? Ist es das, was du meinst, oder? Das ist typisch Mann! Wenn es ernst wird, den Schwanz einziehen und Heulsuse spielen! Hätte ich mich doch bloß nicht auf dein Liebesgesülze vor Wochen eingelassen, dann wäre mir die Scheiße hier erspart geblieben! Untersuchungen wegen eines Toten, Polizeinachfragen wegen Diebstahl, Rückreisegeld bei der deutschen Botschaft! Wenn das mein betrogener Ehemann zu Hause rauskriegt, und wir sind auf dem besten Weg dazu, unseren Ehebruch endlich richtig öffentlich zu machen, dann kann ich mich nach der sofort fälligen Scheidung direkt beim Sozialamt melden! Oder darf ich dann bei dir und deiner lieben Frau wohnen?“ Wütend drehte sie sich um und trat mit voller Wucht gegen den am Boden liegenden Rucksack. Sie funkelte mich böse an, steckte ihre Hände in die Taschen ihrer nassen Hose und wollte gerade Richtung Landstraße davon stapfen, als sie plötzlich, wie vom Blitz getroffen, stoppte. Sie blieb neben der achtlos zur Seite gestellten Ledertasche stehen und zeigte mit zitternden Fingern auf den dunkelgrünen Rucksack, dessen Naht an der getretenen Stelle aufgeplatzt war. Einige weiße und dunkelbraune Plastikum-schläge quollen aus dem ausgefransten Loch, aus einer Tüte rieselte weißes Pulver, neben einem dunklen Couvert lag eine Plastik-Kreditkarte im nassen Kies. „Was ist das denn?“, fragte sie, bückte sich und schaute mich fassungslos an. „Keine Ahnung, aber lass die Finger davon. Weiß der Teufel, was da noch alles im Rucksack ist!“ Ich kniete mich neben dem Rucksack nieder und begann mit einem Stöck-chen vorsichtig im Inneren zu wühlen. Immer mehr weiße und braune Umschläge fielen aus dem Loch, einige platzten auf und sogen sich am Boden direkt voll Wasser. „Scheiße, das weiße Pulver in den Umschlägen ist hundertprozentig Heroin, das kenne ich noch von früher“, warnte ich Britta, nachdem ich an meiner Fingerspitze geleckt hatte. „Und das andere sind offensichtlich irgendwelche Kreditkarten.“ Ich öffnete vorsichtig einige der braunen Umschläge und schaute hinein. „Jawohl, nagelneue Kreditkarten inklusive der dazugehörigen Pin-Nummern. Sauber verpackt, nach Ländern der EU sortiert, von allen führenden Banken und Kreditgesellschaften, alle noch zwei Jahre gültig und offensichtlich unbenutzt! Das ist ja wohl der Hammer! Einen ganzen Rucksack voller Rauschgift und gefälschter Kreditkarten hatte der Typ dabei. Würde mich nicht wundern, wenn in der Ledertasche angereichertes Uran, geheime Stasiprotokolle oder hochbrisante Unterlagen des russischen Geheimdienstes versteckt wären!“ Ich erhob mich und klopfte mir den nassen Sand von den Knien. Der Regen hatte fast aufgehört, helle Stellen zwischen den Wolken ließen den Stand der Sonne erahnen. Der See beruhigte sich wieder, feuchter, warmer Nebel stieg über dem Boden auf. Nur mit Hilfe meines Taschenmessers ließen sich die Zahlenschlösser und Sicherheitsschnallen an der voluminösen Ledertasche knacken. Mehrere schwere rechteckige Päckchen, in stabile schwarze Folie eingeschweißt, füllten die Tasche komplett aus. Im Inneren schien Papier zu sein, deshalb öffneten wir mit dem Messer ganz vorsichtig den einen Beutel und fanden rund dreihunderttausend amerikanische Dollar in großen Scheinen. Neu, ungebraucht, ohne fortlaufende Nummern. Schon weniger überrascht zählten wir fast eine halbe Million Euro in den anderen Beuteln, ebenfalls neu, aber in unterschiedlichen Scheinen. Echt oder aber perfekte Fälschungen, so genau konnten wir das nicht feststellen, aber nicht fortlaufend nummeriert, mit Banderole umhüllt, ebenfalls aus allen Ländern, in denen vor kurzem der Euro eingeführt wurde. Ungläubig, fasziniert, aber irgendwie abwesend blätterten wir durch die Geldbündel, stapelten die Päckchen auf die schwarze Folie, sogen den Duft der neuen Scheine durch die Nase und räumten dann alles wieder ordentlich zurück in die Umschläge, in die Beutel und in die Ledertasche. Ich hatte noch nie im Leben so eine Unmenge Bargeld auf einem Haufen gesehen. Und dann noch Hunderte von nagelneuen Kreditkarten! Mir brummte der Schädel, meine Hände zitterten und mein Magen revoltierte. In der Jacke des Toten fanden wir eine geladene Pistole ukrainischer Herkunft, einen russischen Ausweis in kyrillischer Schrift, einen lettischen und einen polnischen Pass. Alle mit unterschiedlichen Namen, Wohnsitzen und Geburtsda-ten, aber alle mit dem gleichen Passbild, das unserer Leiche dort drüben auf der Insel verdammt ähnlich war. „Und was jetzt?“, fragte Britta und schaute mich an, nachdem sie Ausweise, Waffe, Tasche und Rucksack wieder im Boot unter einem Schlafsack verstaut hatte. „Nicht den Schimmer einer Ahnung“, antwortete ich wahrheitsgemäß, zuckte mit den Schultern und fing an zu überlegen. Es dauerte einige Sekunden, aber dann fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. |