In Teufels Namen Sonntag, 8. August ...„Mike, aufwachen! Los, komm schon! Was sind das für Geräusche dort draußen? Mike, bitte wach auf, irgend jemand schleicht hier draußen um unseren Bungalow!“ Mike wälzte sich auf den Rücken, rieb sich verschlafen die Augen und starrte seine Freundin an. „Was ist los, Anka? Was machst du hier mitten in der Nacht für einen Rabatz?“ „Sei still um Himmels Willen, leise! Hörst du das nicht? Da draußen hinter unserem Haus flüstern Menschen miteinander und vor wenigen Augenblicken habe ich so etwas wie einen unterdrückten Schrei gehört. Ganz deutlich. Nein, das habe ich nicht geträumt, verdammt noch mal. Irgendwelche Leute schleichen hier über die Anlage.“ Mike hatte sich aufgesetzt und versuchte, durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden neben sich nach draußen zu schauen. „Nichts ist zu sehen, Anka. Alles ist stockdunkel und friedlich. Das waren wahrscheinlich die Wachleute, die hier nachts die Anlage bewachen. Komm, leg dich wieder hin.“ Mike knipste die kleine Taschenlampe an, die neben dem Kopfteil seines Bettes lag und leuchtete auf seine Armbanduhr. „Kurz nach halb drei! Das darf doch nicht wahr sein! Los, lass uns noch eine Mütze Schlaf nehmen, bevor die Scheißvögel um sechs Uhr wieder anfangen, uns mit ihrem Gekreische aus den Betten zu jagen. Du kannst dich beruhigen, hier in der Anlage werden wir Tag und Nacht bewacht, hier sind wir sicher wie in Abrahams Schoß.“ Mike legte die Taschenlampe zurück, wobei er mit dem Arm Ankas Brust streifte. „Es gäbe da vielleicht noch eine andere Möglichkeit, uns wieder müde und schläfrig zu machen. Du weißt, was ich meine, mein Schatz! Was hältst du denn davon, die angebrochene Nacht mit angenehmeren Dingen zu vertrödeln, als auf Geisterstimmen in der Dunkelheit zu lauschen?“ Anka saß noch immer steif im Bett und lauschte mit einem Ohr am Fensterladen. Nichts mehr war zu hören. Sie zuckte leicht mit den Schultern, ordnete das Moskitonetz über dem Bett und wollte sich gerade wieder beruhigt in Mikes ausgebreitete Arme zurücklegen, als plötzlich ein ohrenbetäubendes Bersten, das aus allen Ecken der weitläufigen Anlage gleichzeitig zu kommen schien, die schwarze Stille zeriss. Krachend flog die Tür ihres Bungalows auf, prallte gegen die Wand, während der grelle Strahl einer starken Taschenlampe auf ihr Bett gerichtet wurde. Geblendet von dem gleißenden Licht versuchten beide, ihre Augen mit der Hand abzuschirmen, während sie sich gemeinsam das Betttuch hoch bis unter das Kinn zogen. Eine vollkommen schwarz gekleidete Figur entsicherte mit einem drohenden Klicken eine metallisch glänzende Maschinenpistole, knipste die Deckenbeleuchtung an und bezog neben der Tür Stellung. Fast gleichzeitig stürmten zwei weitere, bis zur Unkenntlichkeit maskierte Männer in den Raum. Sie stellten sich links und rechts neben das Fußende des Bettes und richteten dunkle, drohende Pistolen auf ihre Köpfe. „Los aufstehen, anziehen und raus hier. Alles bleibt liegen, keine Tasche, kein Handy, kein Gepäck! Los, los, oder soll ich euch Beine machen?“ Der größere der beiden begann den Inhalt des Schranks, der Regalbretter, Taschen und Koffer auf dem Boden auszubreiten. In einen mitgebrachten Sack stopfte er Brieftaschen, Geld, Papiere, Handys, Fotoapparate und Ankas Schmuck. Den Rest schob er lässig mit den Füßen zu einem Haufen neben der Tür zusammen. Zitternd und mit angsterfüllten Augen kletterte Anka aus dem Bett, während sie versuchte, mit dem Betttuch ihre Nacktheit vor den gaffenden Männern zu verbergen. Sie packte sich ihre Anziehsachen, die über einem Stuhl hingen und wollte gerade Richtung Badezimmer verschwinden, als der Anführer der kleinen Gruppe ihr mit einem brutalen Ruck das um den Körper gewickelte Tuch herunterriss. „Stell` dich bloß nicht so an, Lady. Du bist doch sonst nicht so zimperlich. Umziehen kannst du dich auch hier. So fürchterlich kann der Anblick ja wohl nicht sein oder? So und du da im Bett, wenn du nicht in zehn Sekunden angezogen vor der Tür stehst, jage ich dir eigenhändig eine Kugel in den Kopf!“ Anka hatte die kleine Unterbrechung genutzt und war rasch in ihre Jeans geschlüpft und hatte sich ein TShirt von Mike über den Kopf gezogen. Verzweifelt versuchte sie ihre Füße in die Slipper zu zwängen, die ihr vor Aufregung immer weiter davonrutschten. „Nimm endlich die verdammten Schuhe in die Hand!“, brüllte der Anführer und stieß sie mit der Pistole hart in den Rücken. „Und du“, dabei drohte er mit der Waffe Richtung Mike, „du hast noch knapp fünf Sekunden, ist dir das klar?“ Stolpernd stieg Mike in seine Jeans, riss sich ein gebrauchtes Hemd aus dem Haufen am Boden, schnappte sich seine Sandalen und stürmte an dem Türsteher vorbei auf die Veranda. Dort erwartete ihn Anka, die sich zitternd und mit fragenden Augen an ihn klammerte. „Los, die Treppe runter und rüber zum Restaurant. Macht ja keine Dummheiten, ich kann euch nur warnen“, fauchte der maskierte Anführer sie an, während er sie mit Handschellen mit dem Türsteher zusammenfesselte. Die ganze Anlage war plötzlich hell erleuchtet, überall liefen maskierte Männer herum und schleppten gefesselte Menschen zum Restaurant. Rechts vom Weg kam ihnen der Belgier Raspin entgegen, eine blutende Wunde über der linken Augenbraue, vom oberen Bungalow wurde die österreichische Familie, mit einer langen Schnur gefesselt, zum Sammelpunkt getrieben. Man hörte wütende Männer brüllen, Kinder weinten, und Frauen schluchzten. Dann zwei Schüsse! Die älteren Damen aus Schwaben, die nahe der Rezeption wohnten, standen schon zitternd und fassungslos auf der erleuchteten Terrasse. Jämmerlich sahen sie aus in ihren wallenden, weißen Nachthemden, die grauen Haare wirr und ungekämmt, nur in dünnen Pantoffeln. Tränen standen in ihren Augen und ohne ihre Brillen wirkten sie hilflos wie kleine Kinder. Vom Strand herauf kam das Pärchen aus Dänemark, mit Handschellen an einen Bewacher gekettet. Sie nur mit Bikiniunterteil und Hemd bekleidet, er in Unterhose und einer dünnen Strickjacke. Peer, so hieß der junge Mann, drückte den Ärmel seiner Jacke auf eine stark blutende Wunde am linken Oberschenkel, während der Maskierte seine Freundin immer wieder heftig an den Haaren riss. „Den Manager und mindestens zwei Angestellte haben die ermordet“, flüsterte Raspin dem neben ihm stehenden Mike zu, „alle drei liegen in einer riesigen Blutlache mausetot mit durchschnittenen Kehlen neben der Rezeption, da bin ich gerade vorbeigekommen, grauenhaft. Und“, fuhr er noch leiser fort, „der Lange mit der Maske dort vorne, der Anführer, das ist hundertprozentig Rohan, unser Kellner. Das könnte ich schwören, das Schwein habe ich sofort an der Stimme erkannt.“ Und dann fiel es Mike wie Schuppen von den Augen. Natürlich, die Stimme, die Haltung und die zynische Bemerkung über Anka, das war Rohan, das war ihr freundlicher und geschwätziger Kellner. Jetzt wurde ihm einiges klarer. Und derjenige, der die Familie am Strick gerade auf die Terrasse führte, das war Sirwa, der Koch. Der Mann, der immer freundlich lachte, der mit allen neuen Gästen sein Spielchen spielte, der aussah, als ob er keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte, dieser Mann schlug gerade dem Familienvater brutal ins Gesicht, weil er seine Tochter vor den grapschenden Fingern eines anderen Gangsters schützen wollte. Noch waren keine fünf Minuten seit dem Überfall vergangen, die Lichter der Anlage waren wieder gelöscht, als ein dunkelgrüner Lastwagen, der hinter dem Eisentor gewartet hatte, langsam die Auffahrt hinaufkam. Zwei Maskierte sprangen herab, öffneten die hintere Ladebordwand und postierten sich mit Maschinenpistolen bewaffnet neben dem Wagen. „Los, rauf hier! Bewegung, meine Herrschaften, Bewegung! Und ich will keinen Ton hören, sonst könnt ihr mich mal von meiner unangenehmen Seite kennen lernen, verstanden?“ Die Bewaffneten trieben die Touristen, den zweiten Koch und zwei weibliche Angestellte, die im Büro und in der Küche arbeiteten, erbarmungslos zusammen, stießen sie auf die Ladefläche des Lastwagens, schlossen die Tür und die Kolonne aus einem Truck und zwei Kleinbussen setzte sich leise in Bewegung. Eine kleine Lampe baumelte unter der Decke und warf flüchtige Schatten über die grauen Gesichter. Draußen war es stockdunkel, der Mond hatte sich hinter den Bäumen versteckt. Zusammengepfercht saß Mike zwischen Anka und Lea, der Tochter des geschlagenen Familienvaters, am Boden. Schräg gegenüber hatten sich Viola und die beiden Damen an die harte Rückwand der Ladefläche gekauert, Raspin und zwei Bewacher standen an der Seitenwand und hielten sich an zwei massiven Stangen fest, die das Gestell für die Dachplane stützten. Viola, nur mit einem seidenen, durchsichtigen Pyjama bekleidet, der über der Brust schmutzig und zerrissen war, suchte Schutz und Wärme zwischen Peer und seiner Freundin Gitta. Zwei dunkelrote Kratzer, wie von Fingernägeln, zogen sich über Violas linke Wange, sie hatte nur einen Schuh an, eine dunkelbraune Sandale mit winzigen goldenen Schnallen. „Wäre es vielleicht möglich“, begann der Belgier auf einmal leise und betont freundlich, während er sich seinem Bewacher zuwandte, „dass Sie uns einmal erklären, was das hier alles soll und was Sie mit uns vorhaben?“ Der Reiseschriftsteller zeigte vorsichtig in die Runde und fuhr fort: „ Bitte, schaut euch doch einmal diese Menschen an, die haben euch doch nichts getan. Lasst doch wenigstens die Alten und die Kinder raus aus eurem grausamen Spiel.“ „Halt endlich dein Maul, du widerlicher Fettsack, sonst passiert hier noch ein Unglück. Setz dich, verdammt noch mal, auf deinen Arsch und halte die Klappe, verstanden? Euch wird noch früh genug gesagt, was mit euch passiert“, brüllte der Bewacher, während er mit der entsicherten Pistole in dem nur matt beleuchteten Innenraum des schwankenden Lastwagens herumfuchtelte. Erschrocken setzte sich der Belgier zu Boden und redete leise und eindringlich auf die beiden älteren Damen ein, die wie in Trance hin und her schwankten, sich an den Händen hielten und auf einen Punkt weit ab jeder Realität starrten. Zwei lange Stunden später, das erste Grau des neuen Tages zwängte sich durch die schmalen Ritzen zwischen Plane und Bordwand, verringerte der Fahrer die Geschwindigkeit, bog von der Überlandstraße in einen holprigen Seitenweg ein, der in engen Kurven steil bergab führte. Ein stetiges Rauschen war zu hören, warmer Wind, Salzluft und der Geruch nach Tang und Teer ließ die Gefangenen ahnen, dass sie sich irgendwo in einem Hafen oder am Strand befanden. Mit einem heftigen Ruck hielt der schwere Wagen an, die Türen der Fahrerkabine wurden geöffnet, Kommandos wurden gebrüllt, während die verängstigten Menschen von der Ladefläche des Lasters getrieben wurden. In einer weitgeschwungenen Bucht waren sie angekommen, die ersten Strahlen der Sonne hatten sich gerade im Osten über die Berge geschoben. Der Strand vor ihnen war leer, kein Haus, kein Dorf, nur die leisen Wellen, die über den Sand liefen.
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