In Teufels Namen

Sonntag, 8. August                                                                                                


...„Mike, aufwachen! Los, komm schon! Was sind das für Geräusche dort draußen? Mike, bitte wach auf, irgend jemand schleicht hier draußen um unseren Bungalow!“
Mike wälzte sich auf den Rücken, rieb sich verschlafen die Augen und starrte seine Freundin an. „Was ist los, Anka? Was machst du hier mitten in der Nacht für einen Rabatz?“
„Sei still um Himmels Willen, leise! Hörst du das nicht? Da draußen hinter unserem Haus flüstern Menschen miteinander und vor wenigen Augenblicken habe ich so etwas wie einen unterdrückten Schrei gehört.
Ganz deutlich. Nein, das habe ich nicht geträumt, verdammt noch mal. Irgendwelche Leute schleichen hier über die Anlage.“ Mike hatte sich aufgesetzt und versuchte, durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden neben sich nach draußen zu schauen.
„Nichts ist zu sehen, Anka. Alles ist stockdunkel und friedlich. Das waren wahrscheinlich die Wachleute, die hier nachts die Anlage bewachen. Komm, leg dich wieder hin.“ Mike knipste die kleine Taschenlampe an, die neben dem Kopfteil seines Bettes lag und leuchtete auf seine Armbanduhr.
„Kurz nach halb drei! Das darf doch nicht wahr sein! Los, lass uns noch eine Mütze Schlaf nehmen, bevor die Scheißvögel um sechs Uhr wieder anfangen, uns mit ihrem Gekreische aus den Betten zu jagen. Du kannst dich beruhigen, hier in der Anlage werden wir Tag und Nacht bewacht, hier sind wir sicher wie in Abrahams Schoß.“ Mike legte die Taschenlampe zurück, wobei er mit dem Arm Ankas Brust streifte.
„Es gäbe da vielleicht noch eine andere Möglichkeit, uns wieder müde und schläfrig zu machen. Du weißt, was ich meine, mein Schatz! Was hältst du denn davon, die angebrochene Nacht mit angenehmeren Dingen zu vertrödeln, als auf Geisterstimmen in der Dunkelheit zu lauschen?“ Anka saß noch immer steif im Bett und lauschte mit einem Ohr am Fensterladen.
Nichts mehr war zu hören. Sie zuckte leicht mit den Schultern, ordnete das Moskitonetz über dem Bett und wollte sich gerade wieder beruhigt in Mikes ausgebreitete Arme zurücklegen, als plötzlich ein ohrenbetäubendes Bersten, das aus allen Ecken der weitläufigen Anlage gleichzeitig zu kommen schien, die schwarze Stille zeriss. Krachend flog die Tür ihres Bungalows auf, prallte gegen die Wand, während der grelle Strahl einer starken Taschenlampe auf ihr Bett gerichtet wurde. Geblendet von dem gleißenden Licht versuchten beide, ihre Augen mit der Hand abzuschirmen, während sie sich gemeinsam das Betttuch hoch bis unter das Kinn zogen.
Eine vollkommen schwarz gekleidete Figur entsicherte mit einem drohenden Klicken eine metallisch glänzende Maschinenpistole, knipste die Deckenbeleuchtung an und bezog neben der Tür Stellung. Fast gleichzeitig stürmten zwei weitere, bis zur Unkenntlichkeit maskierte Männer in den Raum. Sie stellten sich links und rechts neben das Fußende des Bettes und richteten dunkle, drohende Pistolen auf ihre Köpfe.
„Los aufstehen, anziehen und raus hier. Alles bleibt liegen, keine Tasche, kein Handy, kein Gepäck! Los, los, oder soll ich euch Beine machen?“
Der größere der beiden begann den Inhalt des Schranks, der Regalbretter, Taschen und Koffer auf dem Boden auszubreiten. In einen mitgebrachten Sack stopfte er Brieftaschen, Geld, Papiere, Handys, Fotoapparate und Ankas Schmuck. Den Rest schob er lässig mit den Füßen zu einem Haufen neben der Tür zusammen. Zitternd und mit angsterfüllten Augen kletterte Anka aus dem Bett, während sie versuchte, mit dem Betttuch ihre Nacktheit vor den gaffenden Männern zu verbergen. Sie packte sich ihre Anziehsachen, die über einem Stuhl hingen und wollte gerade Richtung Badezimmer verschwinden, als der Anführer der kleinen Gruppe ihr mit einem brutalen Ruck das um den Körper gewickelte Tuch herunterriss.
„Stell` dich bloß nicht so an, Lady. Du bist doch sonst nicht so zimperlich.
Umziehen kannst du dich auch hier. So fürchterlich kann der Anblick ja wohl nicht sein oder? So und du da im Bett, wenn du nicht in zehn Sekunden angezogen vor der Tür stehst, jage ich dir eigenhändig eine Kugel in den Kopf!“
Anka hatte die kleine Unterbrechung genutzt und war rasch in ihre Jeans geschlüpft und hatte sich ein TShirt von Mike über den Kopf gezogen. Verzweifelt versuchte sie ihre Füße in die Slipper zu zwängen, die ihr vor Aufregung immer weiter davonrutschten.
„Nimm endlich die verdammten Schuhe in die Hand!“, brüllte der Anführer und stieß sie mit der Pistole hart in den Rücken. „Und du“, dabei drohte er mit der Waffe Richtung Mike, „du hast noch knapp fünf Sekunden, ist dir das klar?“
Stolpernd stieg Mike in seine Jeans, riss sich ein gebrauchtes Hemd aus dem Haufen am Boden, schnappte sich seine Sandalen und stürmte an dem Türsteher vorbei auf die Veranda.
Dort erwartete ihn Anka, die sich zitternd und mit fragenden Augen an ihn klammerte. „Los, die Treppe runter und rüber zum Restaurant. Macht ja keine Dummheiten, ich kann euch nur warnen“, fauchte der maskierte Anführer sie an, während er sie mit Handschellen mit dem Türsteher zusammenfesselte.
Die ganze Anlage war plötzlich hell erleuchtet, überall liefen maskierte Männer herum und schleppten gefesselte Menschen zum Restaurant. Rechts vom Weg kam ihnen der Belgier Raspin entgegen, eine blutende Wunde über der linken Augenbraue, vom oberen Bungalow wurde die österreichische Familie, mit einer langen Schnur gefesselt, zum Sammelpunkt getrieben. Man hörte wütende Männer brüllen, Kinder weinten, und Frauen schluchzten. Dann zwei Schüsse! Die älteren Damen aus Schwaben, die nahe der Rezeption wohnten, standen schon zitternd und fassungslos auf der erleuchteten Terrasse. Jämmerlich sahen sie aus in ihren wallenden, weißen Nachthemden, die grauen Haare wirr und ungekämmt, nur in dünnen Pantoffeln. Tränen standen in ihren Augen und ohne ihre Brillen wirkten sie hilflos wie kleine Kinder.
Vom Strand herauf kam das Pärchen aus Dänemark, mit Handschellen an einen Bewacher gekettet. Sie nur mit Bikiniunterteil und Hemd bekleidet, er in Unterhose und einer dünnen Strickjacke. Peer, so hieß der junge Mann, drückte den Ärmel seiner Jacke auf eine stark blutende Wunde am linken Oberschenkel, während der Maskierte seine Freundin immer wieder heftig an den Haaren riss.
„Den Manager und mindestens zwei Angestellte haben die ermordet“, flüsterte Raspin dem neben ihm stehenden Mike zu, „alle drei liegen in einer riesigen Blutlache mausetot mit durchschnittenen Kehlen neben der Rezeption, da bin ich gerade vorbeigekommen, grauenhaft. Und“, fuhr er noch leiser fort, „der Lange mit der Maske dort vorne, der Anführer, das ist hundertprozentig Rohan, unser Kellner. Das könnte ich schwören, das Schwein habe ich sofort an der Stimme erkannt.“
Und dann fiel es Mike wie Schuppen von den Augen. Natürlich, die Stimme, die Haltung und die zynische Bemerkung über Anka, das war Rohan, das war ihr freundlicher und geschwätziger Kellner. Jetzt wurde ihm einiges klarer. Und derjenige, der die Familie am Strick gerade auf die Terrasse führte, das war Sirwa, der Koch.
Der Mann, der immer freundlich lachte, der mit allen neuen Gästen sein Spielchen spielte, der aussah, als ob er keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte, dieser Mann schlug gerade dem Familienvater brutal ins Gesicht, weil er seine Tochter vor den grapschenden Fingern eines anderen Gangsters schützen wollte. Noch waren keine fünf Minuten seit dem Überfall vergangen, die Lichter der Anlage waren wieder gelöscht, als ein dunkelgrüner Lastwagen, der hinter dem Eisentor gewartet hatte, langsam die Auffahrt hinaufkam. Zwei Maskierte sprangen herab, öffneten die hintere Ladebordwand und postierten sich mit Maschinenpistolen bewaffnet neben dem Wagen.
„Los, rauf hier! Bewegung, meine Herrschaften, Bewegung! Und ich will keinen Ton hören, sonst könnt ihr mich mal von meiner unangenehmen Seite kennen lernen, verstanden?“
Die Bewaffneten trieben die Touristen, den zweiten Koch und zwei weibliche Angestellte, die im Büro und in der Küche arbeiteten, erbarmungslos zusammen, stießen sie auf die Ladefläche des Lastwagens, schlossen die Tür und die Kolonne aus einem Truck und zwei Kleinbussen setzte sich leise in Bewegung.
Eine kleine Lampe baumelte unter der Decke und warf flüchtige Schatten über die grauen Gesichter. Draußen war es stockdunkel, der Mond hatte sich hinter den Bäumen versteckt.
Zusammengepfercht saß Mike zwischen Anka und Lea, der Tochter des geschlagenen Familienvaters, am Boden. Schräg gegenüber hatten sich Viola und die beiden Damen an die harte Rückwand der Ladefläche gekauert, Raspin und zwei Bewacher standen an der Seitenwand und hielten sich an zwei massiven Stangen fest, die das Gestell für die Dachplane stützten.
Viola, nur mit einem seidenen, durchsichtigen Pyjama bekleidet, der über der Brust schmutzig und zerrissen war, suchte Schutz und Wärme zwischen Peer und seiner Freundin Gitta. Zwei dunkelrote Kratzer, wie von Fingernägeln, zogen sich über Violas linke Wange, sie hatte nur einen Schuh an, eine dunkelbraune Sandale mit winzigen goldenen Schnallen.
„Wäre es vielleicht möglich“, begann der Belgier auf einmal leise und betont freundlich, während er sich seinem Bewacher zuwandte, „dass Sie uns einmal erklären, was das hier alles soll und was Sie mit uns vorhaben?“ Der Reiseschriftsteller zeigte vorsichtig in die Runde und fuhr fort: „ Bitte, schaut euch doch einmal diese Menschen an, die haben euch doch nichts getan. Lasst doch wenigstens die Alten und die Kinder raus aus eurem grausamen Spiel.“
„Halt endlich dein Maul, du widerlicher Fettsack, sonst passiert hier noch ein Unglück. Setz dich, verdammt noch mal, auf deinen Arsch und halte die Klappe, verstanden? Euch wird noch früh genug gesagt, was mit euch passiert“, brüllte der Bewacher, während er mit der entsicherten Pistole in dem nur matt beleuchteten Innenraum des schwankenden Lastwagens herumfuchtelte.
Erschrocken setzte sich der Belgier zu Boden und redete leise und eindringlich auf die beiden älteren Damen ein, die wie in Trance hin und her schwankten, sich an den Händen hielten und auf einen Punkt weit ab jeder Realität starrten.
Zwei lange Stunden später, das erste Grau des neuen Tages zwängte sich durch die schmalen Ritzen zwischen Plane und Bordwand, verringerte der Fahrer die Geschwindigkeit, bog von der Überlandstraße in einen holprigen Seitenweg ein, der in engen Kurven steil bergab führte. Ein stetiges Rauschen war zu hören, warmer Wind, Salzluft und der Geruch nach Tang und Teer ließ die Gefangenen ahnen, dass sie sich irgendwo in einem Hafen oder am Strand befanden. Mit einem heftigen Ruck hielt der schwere Wagen an, die Türen der Fahrerkabine wurden geöffnet, Kommandos wurden gebrüllt, während die verängstigten Menschen von der Ladefläche des Lasters getrieben wurden.
In einer weitgeschwungenen Bucht waren sie angekommen, die ersten Strahlen der Sonne hatten sich gerade im Osten über die Berge geschoben. Der Strand vor ihnen war leer, kein Haus, kein Dorf, nur die leisen Wellen, die über den Sand liefen.


 zwei Jahre später...

 

...22 Uhr 54. Plötzlich rauschte das Funkgerät. Erschrocken fuhren die Offiziere und die Kidnapper aus ihren Gedanken. Die französische Küstenfunkstelle meldete sich. Es war ein Gefahrenhinweis für die Seeschifffahrt. Ein treibender Container auf Position 44 Grad 8 Minuten nördlicher Breite und 08 Grad 14 Minuten westlicher Länge. Der Warnhinweis wurde dreimal wiederholt, dann schwieg das Funkgerät und es war wieder Ruhe auf der Brücke.
„Zwei Minuten, meine Herren! Es geht also gleich los.“ Abu durchschnitt Hölterhoffs Handfesseln mit seinem Taschenmesser und führte ihn mit gezogener Waffe zu seinem Steuerstuhl. „Los runter da und setzt euch drüben auf die Bank“, kommandierte er die beiden Frauen und setzte den Kapitän vor das Funkgerät. Rohan hatte Hung Li auch von seinen Fesseln befreit und postierte ihn neben den Stuhl des Kapitäns, die entsicherte Waffe an der Schläfe. „Und auch von euch beiden höre ich während des Gesprächs mit der Küstenfunkstelle keinen Ton, verstanden? Es wäre sehr schade, wenn ich euch ein Loch in die Birne schießen müsste, wir haben doch noch so viel vor zusammen. Es sind noch fast sieben Stunden, bis unser Taxi mit dem Geld kommt, in der Zeit werden wir noch viel Spaß miteinander haben, das verspreche ich euch,“ zischte er gefährlich leise zu den beiden Frauen, die noch immer völlig verstört nebeneinander auf der Bank saßen.
Auch ihnen hatte Rohan die Fesseln abgenommen und hielt sie mit seiner Pistole in Schach. Für einen kleinen Moment blitzte der runde Mond durch die Wolken und warf sein gelbmattes Licht über das Schiff.
„22 Uhr 59. Los, schmeiß schon mal das Funkgerät an und gib die Nummern in den Speicher, Käptn, gleich kommt dein großer Auftritt!“ Wieder schaute er auf die Uhr und begann, langsam von dreißig rückwärts zu zählen. Dann klopfte er Hölterhoff auf die Schulter. „Los, nimm Kontakt auf, sprich langsam, laut und deutlich, hier liegt der Zettel und keine Faxen, ist das klar?“ Der Kapitän nickte, schaute kurz zu seinem Stellvertreter und legte den Schalter um, der die Verbindung zum Land herstellte.
Und plötzlich war es dunkel auf der Brücke. Alle Lichter waren aus. Wie auf ein Kommando hin stellten die vielen tausend Pferdestärken im Motorraum ihren Dienst ein, die Bordcomputer fuhren sirrend herunter, alle Zeiger der unzähligen Überwachungsinstrumente bewegten sich Richtung Null, ihre blassrote Hintergrundbeleuchtung verglühte, das Rauschen der vielen elektronischen Geräte, die mit einem Lüfter gekühlt wurden, erstarb. Die Positionslichter verlöschten, die Bildschirme der Radargeräte fluoreszierten in sterbendem Grün, der Kreiselkompass schwieg, das hohe Summen der Klimaanlage begab sich zur Ruhe und der letzte, leise Ton aus der Musikanlage fiel lautlos zu Boden. Dunkle, schwarze Stille. Ein schwarzes Schiff auf einem schwarzen Meer, ein lebloser, steuerloser Metallkasten, ein hilfloser Spielball für Meer und Nacht.
„Was ist hier los“, brüllte Abu und entsicherte klickend seine Waffe neben Hölterhoffs Schläfe. „Was soll der Scheiß, los mach die Lampen wieder an, oder ich schieße.“ Auch Rohan wurde nervös, hielt Hung Li am Kragen fest und drückte ihm die Waffe ins Genick.
„Wieso sind die Maschinen aus, was habt ihr hier gemacht, los antworte, oder dein Gehirn klebt dort vorne an der Scheibe!“
„Keine Ahnung, was hier los ist“, stammelte der Kapitän, „auch die Notbeleuchtung und die Notgeneratoren arbeiten ganz offensichtlich nicht.“ Er fuhr sich mit beiden Händen durchs das wirre Haar. „Die starten automatisch, wenn irgendwo der Strom ausfällt, ich verstehe das nicht!“ Hölterhoff tastete nach seiner kleinen Photonenlampe, die an seinem Schlüsselbund befestigt war, suchte mit der Hand verzweifelt nach dem Starterschloss.
Und plötzlich wurde es wieder hell. Grellweiße Lichtbalken sausten wie suchende Finger durch den dunklen Raum, hatten dann ihre Opfer gefunden. Starke Taschenlampen kamen von drei Seiten, leuchteten den beiden Gangstern direkt ins Gesicht. Geblendet hielten sie Arme und Hände vor die Augen, während sich Hölterhoff und Hung Li geistesgegenwärtig zu Boden fallen ließen, um seitwärts um den Steuerstand nach vorne zu robben. Dann waren Schüsse zu hören, schallgedämpft und eine Scheibe ging klirrend zu Bruch. Ein harter, hohlklingender Schlag folgte hastigen Schritten. Etwas Metallisches ging scheppernd zu Boden, eine Tür fiel ins Schloss und ein schwerer Körper schlug krachend auf Holz. Unterdrückte Schreie, Stöhnen und Fluchen. Und wieder Schüsse, gefolgt von einem Aufschrei, dann schwere dumpfe Fallgeräusche. Überall blitzten die Lichtkegel der Lampen auf, verschwanden wieder, zuckten über Boden, Decke und Wände.
Dann Rufen, Weinen, Schreien. Hölterhoff hatte inzwischen den kleinen Schrank erreicht, in dem die Flaggen aufbewahrt wurden. Ganz hinten war seine Pistole versteckt, er fühlte den kalten Stahl. Und wieder bellten zwei erstickte Schüsse, der beißende Rauch der abgefeuerten Munition brannte in den Augen.
Wieder ein harter, brutaler Schlag, gefolgt von einem dumpfen Aufprall, eine Frauenstimme schrie hell auf, erstarb. Der nächste Schuss, und eine weitere Scheibe, direkt über Hölterhoffs Körper, brach klirrend in sich zusammen und überschüttete ihn mit Tausenden von fingernagelgroßen Krümeln von mehrschichtigem Sicherheitsglas. Stille, flaches Atmen, Röcheln. Er konnte sich nicht bewegen, jede Änderung seiner Position hätte ihn verraten. Vorsichtig öffnete er die Augen, wartete auf weitere Geräusche, um seine Hand mit der Pistole gefahrlos unter den Scherben herausziehen zu können. Dunkelheit. Nichts war zu erkennen. Sekundenlang kein Licht, kein Geräusch. Dann das leise Jammern einer Frauenstimme, ganz hinten im Navigationsraum.
Kurz darauf das rutschende und schabende Geräusch eines verletzten Menschen, der sich stöhnend über den Boden quält, sich weiterschleppt, um irgendwo einen sicheren Ort zu erreichen.
Und plötzlich fühlte Hölterhoff eine Berührung an seinem Oberschenkel. Zu Tode erschrocken hielt er die Luft an, während sein Puls wie rasend sein Blut gegen die Schläfen presste. Wenn das einer der Gangster ist, dann habe ich nicht mehr lange zu leben, überlegte er und entschloß sich spontan dazu, in zwei Sekunden mit einem Ruck die Hand mit der Pistole unter dem Scherbenhaufen hervorzuziehen, die Waffe zu entsichern und auf die Gestalt zu seinen Füßen zu schießen. „Einundzwanzig, zweiund....“
„Käptn, sind Sie es? Sind Sie verletzt?“ Wie in Trance erkennt Hölterhoff im letzten Moment eine flüsternde Stimme, deren russischer Akzent unverkennbar ist. „Wladimir, du?“ fragt er erstaunt, wobei er weiterhin darauf achtet, kein Geräusch mit den Glasscherben zu machen.
„Ja, Käptn, ich bin es“, flüsterte der zweite Offizier und berichtete dem Kapitän in wenigen Sätzen über das Geschehen. „Ich bin sicher, einen der beiden Ganoven mit der schweren Taschenlampe niedergeschlagen und für eine Weile aus dem Verkehr gezogen zu haben. Aber ich befürchte, dass der andere Drecksack Hung Li mit seiner ersten Kugel erwischt hat.“ Berozowski rückte vorsichtig noch etwas näher zum Kapitän, wobei er die schwere Lampe wie eine Waffe in der Hand hielt. „Auch mindestens eine der beiden Ladies scheint verletzt,“ fuhr er fort, „wie schlimm, kann ich nicht sagen. Aber ihr Stöhnen ist schon seit Anfang an zu hören. Von Witek habe ich seit unserem Angriff auf die Brücke nichts mehr gehört oder gesehen. Ich kam von Steuerbord, also muss er sich irgendwo links auf der Brücke versteckt halten. Hoffentlich haben sie den nicht auch erwischt. Der Bootsmann ist auf meinen Befehl gerade wieder zurück in den Maschinenraum, um auf unser Kommando hin wieder Licht zu machen und die Maschinen zu starten. Hier, mit dem Sprechfunkgerät kann ich jederzeit mit ihm Kontakt aufnehmen.“ Er schob das kleine Gerät leise und vorsichtig über den Boden, während das Stöhnen neben dem Steuerstand in ein unverständliches Röcheln überging.
„Das ist Hung Li, er muss schwer verletzt sein, da bin ich sicher. Was sollen wir machen, Käptn?“ Hölterhoff überlegte eine Weile, während er versuchte, auf Grund der Geräusche eine halbwegs sichere Einschätzung der Situation vor seinem inneren Auge vorzunehmen.
„Ist deine Lampe okay?“ Wladimir nickte, während in der linken Ecke der Brücke, etwa in Höhe der kleinen Küche, ein stöhnender und leise fluchender Mensch versuchte, sich vom Boden in die Höhe zu ziehen.
War das einer der Gangster? Oder war das vielleicht Witek?
„Pass auf Käptn, wir machen einen Test“, flüsterte Wladi und ergriff das schwere Lederetui des Fernglases von einer Ablage vor dem Fenster.
„Das werfe ich jetzt in Richtung Navigationstisch und wir warten, welche Reaktion stattfindet. Sollte von irgendeiner Seite ein Schuss fallen, wissen wir, wo der Bursche mit der Waffe steckt. Dann stehen wir sofort zusammen auf, ich leuchte mit der Lampe auf diese Stelle und sie schießen das Arschloch dort über den Haufen, okay?“ Hölterhoff nickte.
Die Ledertasche flog gegen die Trennwand zur Navigations-ecke, riss die elektrische Dartscheibe, die sich die Offiziere dort zu ihrem Freizeitvergnügen angebracht hatten, von der Wand und beides fiel polternd zu Boden. Keine Reaktion. Nur das Stöhnen verletzter Menschen war in der Dunkelheit zu hören.
Ganz weit voraus lag auf dem Meer ein heller, zitternder Schimmer. Der Mond versuchte, Licht durch die Wolken auf die Erde zu schicken.
„Verdammt“, flüsterte Hölterhoff. „Entweder ist der Bursche verschwunden, oder es ist eine Falle. Was sollen wir tun?“
„Abwarten, Käptn! Noch einen Moment abwarten! So wie es draußen aussieht, haben wir vielleicht bald eine Chance auf eine gute Mütze voll Mondlicht. Der Wind treibt die Wolken nach Osten, in knapp einer Minute müsste die große Wolkenlücke dort vorne direkt über uns sein, dann haben wir einige Sekunden Zeit, die Lage hier zu überblicken. Bis dahin mache ich noch ein wenig Krach, sodass Sie sich gefahrlos aus dem Scherbenhaufen befreien können und dort drüben hinter der Kompasssäule Deckung suchen können, okay?“
Witek warf seinen Schlüsselbund in Richtung Küche, legte mit seinem Brillenetui als Wurfgeschoss nach Steuerbord noch einen drauf, wieder keine Reaktion. Stille, Stöhnen und Röcheln war die Antwort.
„Achtung“, warnte Wladi seinen Chef, „es geht gleich los! Es werde Licht!“ Und wahrhaftig, Sekunden später strahlte ein wolkenloser Vollmond vom schwarzen Himmel und tauchte die Szenerie auf der Brücke in ein mildes, mattgelbes Licht. Wladimir hatte sich am Boden bis in die Höhe des Steuerstuhls vorgearbeitet, als sich ein dunkler, drohender Schatten von der Wand gegenüber löste, den Arm hob, zielte und ohne zu zittern abdrückte. Diese Bewegung war das letzte, was Berozowski in seinem Leben sah, bevor sein Schädel, durch zwei Kugeln zerschmettert und zusammen mit Blut und Gehirnmasse auf dem Boden vor der Steuersäule verteilt wurde.
In derselben Sekunde hatte Hölterhoff die Gefahr erkannt, die von dem riesigen Schatten für Wladimir ausging, riss seine Waffe hoch und feuerte. Zu spät für Berozowski, aber der Schatten brüllte auf, schweres Metall fiel zu Boden und der Schatten sackte röchelnd in sich zusammen.
Wie ein bleicher Finger strich das Mondlicht durch die zerschossenen Fenster, tastete sich über den Boden, auf dem Hölterhoff undeutlich drei menschliche Gestalten liegen sah. Direkt vor seinen Füßen erkannte er eine Hand, die eine große Taschenlampe umklammerte und erinnerte sich plötzlich an den Ring mit dem grünen Stein am kleinen Finger. Er kniete sich nieder, um Wladimir zu helfen, drehte ihn vorsichtig zur Seite und schaute in ein Gesicht, dessen rechte Hälfte nicht mehr vorhanden war. Er schloss die Augen und holte tief Luft.


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