Tödliches Gold

1898                                                                                                                    

...Seit über dreißig Minuten wartete Edgar ungeduldig auf der rechten Seite des schmalen festgetretenen Weges, der kurz vor den letzten Stufen eine leichte Biegung nach links hinauf zum Gipfel machte. Der kalte Wind riss an seiner Kopfbedeckung, die Finger waren klamm und kalt. Angestrengt spähte er die endlose Reihe schwarzer Körper entlang nach unten, hoffte, irgendwo eine Lücke, einen Zwischenraum zu finden, der es ihm ermöglichte, sich wieder einzureihen. Keiner der stumpf vor sich hinblickenden Männer war bereit, die mechanische Trittfolge zu unterbrechen.
Die von einem irischen Geschäftemacher und seinem Sohn in mühevoller, wochenlanger Arbeit in den Schnee und das Eis gehackten fast tausend Stufen, waren bereits ausgetreten; je weiter man hinten in der Schlange lief, um so gefährlicher wurde der Weg. Die ersten hundert Goldsucher, die sich auf den Weg über den Chilkoot Pass zu den Goldfeldern des Klondike gemacht hatten, hatten für die Benutzung der „Treppe„ noch den verlangten Dollar pro Aufstieg gezahlt. Die beiden Iren glaubten da noch, das Geschäft ihres Lebens mit diesen verrückten Glücksrittern machen zu können. Eine kleine wackelige Bretterbude am Beginn des steilen Aufstiegs, ein Stuhl davor und eine große Geldkassette auf dem Tisch daneben, so leicht, glaubten sie, ließ sich das Geld hier verdienen.
Kein Schürfen und Graben, keine Mücken oder Bären, keine Angst und keine Gefahr. Und in einem Jahr, ein Leben in Saus und Braus!
Als aber immer größere Massen zum Pass drängten, wurden die Zahlungswilligen rasch rar. Achselzuckend drängte man vorbei an dem Zollhäuschen der irischen Treppenbauer. Nach einer Woche wurde das Holzhaus von weiterstürmenden Horden einfach überrannt. Bald wusste keiner mehr, wie die Stufen in den mörderisch steilen Aufstieg gekommen waren, und keiner dachte mehr daran, für diese harte und unermesslich strapaziöse Knochenarbeit der beiden irischen Männer zu zahlen. Nur immer weiter, bergauf über den Pass, wieder zurück, um weitere Ausrüstung zu holen, wieder bergauf, tagelang, wochenlang, oft bis zum endgültigen Zusammenbruch. Immer weiter. Nichts war in diesen Tagen und Wochen so laut, nichts war so klar und wohlklingend wie der Lockruf des Goldes.
Ohne diese Stufen, die exakt der Schrittlänge schwer beladener, gebückt sich dahinschleppender Männer entsprach, wären vermutlich noch viel mehr Goldsucher an Auszehrung, Unterkühlung, Erschöpfung und Herzversagen in diesem Abschnitt des Chilkoot Passes gestorben. Aber den Iren brachte ihr genialer Gedanke wenig Geld und keinerlei Dankbarkeit. Verständnis konnte man in den Tagen des Goldrausches nicht erwarten. Jeder war sich selbst der nächste. Nicht immer nur im Stillen wünschte mancher dem Mitstreiter hinter, vor oder neben sich alles erdenklich Schlechte. Es war nicht persönlich gemeint, doch je weniger am Klondike ankamen, desto mehr Hoffnung blieb, einen Teil vom goldenen Kuchen abzubekommen. Der Vater und Sklave der tausend Stufen stürzte sich, am Ende aller Träume, von einer steilen Klippe in den Tod; der Sohn wurde noch einmal in Deya gesehen: tagelang betrunken, besinnungslos, am Boden zerstört, bevor sich seine Spur für immer irgendwo in der Endlosigkeit der Verzweiflung verlor.
Eine gute Stunde nach Mittag riss der rechte Schulterriemen von Edgars Tragegestell. Es war am vorletzten Weg zum Pass. Die Metallkiste mit Werkzeugen, Nägeln, Schrauben und Metallwinkeln zum Bau einer Hütte drohte aus dem Gestell zu rutschen und auf Nimmerwiedersehen im Tal zu verschwinden. „Pass auf, Kumpel! Wenn das Ding runterfällt, kannst du es im Meer suchen. Ist mir ja egal, solange sie nicht mich trifft.” Keuchend machte der schmächtige Mann hinter Edgar ihn auf das Malheur aufmerksam.

Im letzten Moment konnte Edgar den Absturz des gesamten Gepäcks noch verhindern, aber er musste doch seinen mühsam ergatterten Platz in der Schlange freigeben, um den Tragriemen zu flicken. Der Ledergürtel seiner Hose musste herhalten; kein Problem. Doch nun stand er wieder mit klammen Fingern und vom Wind tränenden Augen wartend am Rand der himmelwärts führenden Treppe. Nervös starrte er auf die endlose Menschenschlange. In den feuchten Lederstiefeln begannen seine Füße kalt zu werden; der feine Schnee stach wie Nadeln im Gesicht. Plötzlich sah er, wie ein stark vornüber geneigter Körper unterhalb von ihm zur linken Seite stürzte und unbeweglich liegen blieb. Die Nachfolgenden schoben die störenden Beine des Gestrauchelten aus der Spur, drückten im Vorbeigehen das sperrige Gepäck zur Seite, legten ihm seinen schwarzen Hut über das Gesicht und stapften weiter bergauf, ohne sich noch einmal umzusehen. Schon wenige Minuten später lag eine dünne weiße Schicht Schnee wie Puderzucker über der gekrümmten Gestalt. Mitleid, Hilfe und Gold hatten zu unterschiedliche Anfangsbuchstaben.
„Das ist meine Chance.” Auch Edgar verschwendete keinen anderen Gedanken an den Toten. Er stampfte mit den Füßen auf den festgetretenen Schnee, rieb sich die steifgefrorenen Hände. „Noch gut fünf Minuten, dann müsste meine Lücke hier oben sein”, rechnete er sich aus, während er die Geschwindigkeit der vorbeiziehenden Männer abschätzte. Ganz unten zwischen den letzten Felsen oberhalb der Baumgrenze meinte er, Hannes erkennen zu können. Die grüne Plane über dem Rucksack und der eigentümlich schwankende Gang, das konnte nur Hannes sein. Tapferer und zäher Bursche, dieser Westerwälder Bauernsohn, das konnte man nicht anders sagen. In stiller Bewunderung schaute er zu dem kleinen schwarzgrünen Punkt weit unter ihm. Wie ein alter Seemann, dieser Gang, dachte Edgar und wischte sich mit dem Jackenärmel über die tropfende Nase.
Dann war es soweit. Er signalisierte durch Winken und Rufen den beiden Verwaltern der Lücke, dass er beabsichtige, wieder in die Reihe einzusteigen. Beide schauten mit leeren Augen kurz zu ihm hoch, nickten leicht und eroberten weiter Stufe für Stufe. Weiter, weiter, nur nicht aus dem Takt kommen. Keuchender Atem bildete weiße Wolken vor ihren unrasierten Gesichtern, die vor Erschöpfung grau und konturlos wirkten. Kleine, glitzernde Eisperlen hingen in den struppigen Bärten, Feuchtigkeit und Schweiß verdampften wie bei Pferden nach einem anstrengenden Galopp. Schweißtropfen, achtlos von der Stirn gewischt, hingen gefroren am Rand der wollenen Mütze.
Auf einmal ging alles furchtbar schnell. Mit kurzen Trippelschritten, nur vier, fünf Fuß vor der freien Stelle in der dampfenden und keuchenden Menschenschlange entfernt, machte sich Edgar für den entscheidenden Schritt bereit, als ein vor ein paar Minuten an ihm vorbeigezogener großer, schwerer Mann mit dem rechten Stiefel ausrutschte und wie ein gefällter Baum aus der Stufenreihe kippte. Die unförmige Blechkiste auf dem Rücken zog den Gestürzten langsam, dann immer schneller talwärts. Plötzlich löste sich das monströse Gepäckstück aus dem Tragegestell, wurde immer schneller, überschlug sich ein, zweimal, bevor es Edgar erreichte. Nur der Bruchteil einer Sekunde blieb ihm, um zu reagieren. Wie einen verschwommenen, schwarzen Strich erkannte er aus dem Augenwinkel die drohende Gefahr. Instinktiv ließ er sich nach vorne in die ins Stocken geratene Reihe der schwankenden Gestalten fallen, bevor ihn die metallverstärkte Ecke der Kiste an der Schulter traf und erbarmungslos zu Boden schmetterte. Er spürte keinen Schmerz mehr.

 1899

 ... „Bleibt jetzt ganz ruhig, macht keine hektischen Bewegungen, dreht euch langsam und vorsichtig um. Ganz ruhig. Hinter euch am Waldrand steht ein riesiger Grizzly, und der scheint nicht nur ordentlich sauer zu sein; ich schätze, er interessiert sich mächtig für unsere Bratenstücke auf dem Feuer. Kommt jetzt vorsichtig vom Feuer weg und schaut dem Biest niemals direkt in die Augen. So ist es gut, langsam weiter zu mir. Vorsicht, Albert, hinter dir liegt der Stapel Brennholz, geht Schritt für Schritt weiter rückwärts, bis ihr bei mir seid. Hat jemand seinen Revolver griffbereit?”
Die drei zu Tode erschrockenen Männer schüttelten vorsichtig den Kopf, wagten kaum zu atmen oder zu reden und schauten mit unsicherem Blick in die Runde, nach irgendeiner brauchbaren Waffe suchend. Sie waren gut drei, vier Schritte vom Feuer entfernt, der Weg zur sicheren Hütte und den Gewehren darin war bestimmt nicht weniger als fünfzig Fuß lang. Nichts, was als Waffe getaugt hätte, lag in griffbereiter Nähe; eine Flucht auf die Bäume im Waldstück hinter ihnen war aussichtslos. Sie hatten dort in den letzten Wochen alle Zweige in erreichbarer Höhe abgeschnitten und Brennholz oder Bodenbelag für ihre Hütte daraus gemacht.
Der Bär hatte sich nun aufgerichtet, einige tapsige Schritte nach vorn gemacht und war wieder stehen geblieben. Sein Oberkörper bewegte sich pendelnd hin und her, die erhobene Nase schnüffelte gierig den Duft ein, der vom Feuer herüberwehte. Plötzlich laut aufbrüllend, begann er sich mit den Vorderpfoten auf den gewaltigen Brustkorb zu schlagen. Mit weit aufgerissenem Maul bewegte er sich zielgerichtet auf die Gruppe zu.
„Um Himmels willen, was sollen wir tun?” fragte Hannes und schob sich instinktiv hinter den Körper des Alten. „Wir können doch nicht einfach hier stehen bleiben, bis das Untier uns zerfleischt!”
„Bleibt ruhig und dicht zusammen stehen”, flüsterte Joe. „Je größer und bedrohlicher die Masse ist, die wir vier darstellen, um so größer dürfte sein Respekt vor uns sein. Und solange das Feuer zwischen uns und dem Grizzly ist, haben wir eine Chance. Bären haben, wie alle Wildtiere, mächtig Angst vor Feuer und Rauch. Aber der Bursche riecht das Fleisch, und sein Hunger wird die Angst überwinden.” Joe atmete durch, sprach so ruhig wie möglich, um die Panik der unerfahrenen Freunde nicht noch zu steigern:
„Es hilft nichts, Männer, einer von uns muss versuchen, zur Hütte zu kommen, um das Repetiergewehr zu holen. Der Grizzly lässt sich von uns nicht einschüchtern; ohne Waffe werden wir den nicht wieder los. Einen Versuch könnten wir noch machen”, überlegte Joe, ohne den Kopf zur Seite zu bewegen. „Manchmal hilft es, wenn man ganz laut und plötzlich brüllt. Schon einige Male habe ich so einen Bären von meinem Camp verscheucht. Sollte es aber nicht wirken, dann wird es ernst. Dann haben wir mit diesem Burschen in kürzester Zeit hier unseren Spaß, das kann ich euch sagen. Also, ich zähle bis drei, dann brüllen wir los, was das Zeug hält. Wenn das nicht klappt, nutze ich die kurze Verwirrung des Viechs aus, renne zur Hütte und hole die Waffe. Ist Zeit genug, komme ich wieder hier her, wenn nicht, versuche ich den Burschen zu mir Richtung Hütte zu locken.
Wenn er dann auf sichere Schussweite heran ist, werde ich ihm eine Kugel verpassen, die sofort sitzen muss. Ein nur angeschossener Bär ist gefährlicher als eine brennende Sprengladung! Also, wenn der erste Schuss dem pelzigen Schweinehund in der Brust steckt, lauft so schnell ihr könnt in den Schutz der Hütte. Sicherheitshalber sofort zu den Waffen greifen und alles schussbereit machen. Im Notfall sofort feuern, verstanden? Der Kerl darf auf keinen Fall entkommen, sonst haben wir hier jeden Abend ungeladenen Besuch, und darauf legen wir wohl alle keinen besonderen Wert, oder? Okay – jetzt geht's los: Eins, zwei, drei ...” Angst und Aggression mischten sich in das ohrenbetäubende Brüllen, das über den dämmerigen Platz schallte.
Der Bär hielt kurz still, stellte die kurzen, spitzen Ohren auf, schüttelte belästigt den massigen Schädel, ließ sich auf alle Viere fallen und setzte zum Sprung auf die Gruppe hinter dem Feuer an. Da war Joe schon nur noch wenige Schritte von der offenen Tür der Hütte entfernt. Doch der Grizzly spürte im Lauf die Gefahr, änderte sofort die Richtung und stürmte auf Joe zu. Schon den stinkenden, heißen Atem des erregten Tieres im Nacken, erreichte Joe den Eingang der Hütte und warf dem Riesen die schwere Holztür mit aller Kraft auf die vorgereckte Schnauze. Das Schmerzgebrüll des Grizzly ließ die drei vor Schreck starren Freunde innerlich erfrieren. Doch Joe schien in Sicherheit. Bis das gereizte Tier mit seiner schweren Pranke gegen die Tür schlug. Schon der erste Schlag genügte, um das Holz aus den Scharnieren zu reißen. Halb geöffnet hing die Tür nun schief in einer Angel. Während das dumpfe Echo des Höllenlärms aus dem Wald zurückkam, hob der Bär die Pranke zum zweiten Schlag. Da – ein bellender Schuss stoppte die Bewegung des Grizzlys. Der massige Körper wurde um einige Fuß nach hinten geschleudert und fiel auf die rechte Seite. Mit einem haßerfüllten Brüllen richtete sich das Tier wieder auf, wendete sich von der halbzerstörten Tür der Hütte ab, schaute sich suchend um und trabte auf zwei Beinen mit stetig steigender Geschwindigkeit auf die drei Männer zu, die noch immer fassungslos hinter dem Feuer zusammenstanden.
„Haut ab, schnell, jeder in eine andere Richtung, aber im Bogen wieder auf die Hütte zu”, schrie Albert und rannte bereits Richtung Bach. Hannes lief um das qualmende Feuer herum, als erneut ein Schuss über den Platz hallte.
Wieder von einer Kugel im Rücken getroffen, stürzte der Bär kurz vor der Feuerstelle zu Boden. Wieder rappelte er sich erstaunlich schnell auf und machte sich brüllend und aus zwei tiefen Wunden blutend an die Verfolgung von Edgar.
Hannes hatte die Hütte erreicht, sich das Gewehr von der Wand geholt, durchgeladen und versuchte nun, vom offenen Fenster aus den rasenden Bär ins Visier zu bekommen. Nur ein Dutzend Schritte war Edgar noch von der Hütte entfernt, den brüllenden Bären nur wenige Fuß hinter sich. Die Männer in der Hütte konnten keinen sicheren Schuss abgeben, solange Edgar sich im Schussfeld vor dem Bären befand.
„Schnell, Edgar, los, schlag' einen Haken und spring durch das Fenster in die Hütte”, schrie Joe ihm zu, während er einen scharf geschliffenen Spaten zur Hand nahm und mitten in der offenen Tür Position bezog. Edgar schaffte den Sprung durch das Fenster, rollte weiter zur Wand und riss sein Gewehr vom Haken.
Der stark schweißende Bär war kurz vor der Tür, als er bemerkte, dass sein Opfer entwischt war. Er brüllte wütend auf, Blut und Speichel troffen aus seiner Schnauze; er konnte seinen Lauf nicht mehr stoppen und raste mit der Brust voran in den von Joe im Boden verkeilten Spaten. Der Grizzly stürzte zu Boden, der blankpolierte Schaft des Spatens schaute blutverschmiert auf seiner rechten Rückenseite heraus. Joe hatte es nicht mehr geschafft; er lag halb unter der noch immer lebendigen Masse Tier. Der Grizzly bäumte sich im Kampf mit dem Tod auf, versuchte mit den Tatzen den unter ihm liegenden Feind zu töten. Und wieder war es nicht möglich, einen Schuss abzugeben, ohne Joe möglicherweise zu verletzen. Mit dem Kolben des Gewehrs schlug Hannes auf den Hinterkopf des wütenden Tieres ein. Albert, der eben erst die Hütte erreicht hatte, griff das lange, scharfe Jagdmesser vom Tisch und stach in ein Ohr des noch immer brüllenden Bären; mehrmals und tief drang das Eisen ein, dann riss Albert den schweren Schädel zur Seite und durchtrennte mit einem langen, tiefen Schnitt die Kehle des Raubtiers.
Heftige Zuckungen gingen durch den schweren, bluttriefenden Leib des Bären, und mit einem rasselnden und dumpfen Stöhnen, das aus der tiefsten Hölle zu kommen schien, wich der letzte Rest Leben aus dem Giganten.
„Holt mich endlich unter diesem stinkenden Scheißbären raus! Meint ihr, das macht mir Spaß, hier in dem Blut unter dieser Zentnerlast zu liegen? Los, macht schon!”
Mit vereinten Kräften wälzten sie den toten Grizzly zur Seite und befreiten Eagle Joe. Blutverschmiert und an beiden Armen und am Hals verletzt, wuchtete er sich hoch, trat dem leblosen Bären mit aller Kraft gegen den Schädel, wischte sich die Hände an der Hose ab und wankte zu der halbvollen Schnapsflasche, die im Regal über seinem Bett stand. Er nahm einen kräftigen Schluck, setzte ab, nahm noch einen und reichte die Flasche an Albert weiter.
Der säuberte gedankenverloren sein Jagdmesser, während er noch immer fassungslos auf den Kadaver vor seinen Füßen starrte. Auch er bediente sich ordentlich aus der Flasche und gab sie an Hannes weiter. „Mein Gott, das war aber knapp. Dieser Koloss hätte uns um ein Haar alle zu Brei verarbeitet. Wie viele Leben hat eigentlich so ein Grizzly? Der hier jedenfalls war kein Tier, sondern eine Höllengeburt! Schaut euch doch nur mal diese Zähne und Krallen an, das sind doch die reinsten Mordinstrumente.”

 2001

...Die Regenfälle der vergangenen Tage hoch oben in den Bergen gaben dem eher geruhsamen Rinnsal mächtig Strömung. Ein mannshoher, über zwei Meter breiter Felsbrocken mitten im Bachlauf teilte das rauschende Wasser, das sich laut sprudelnd und schäumend gegen die glatte Steinwand stürtzte. Moos bedeckte den Felsen wie eine grüne, feuchte Mütze.
Um auf die andere Seite des Baches zu gelangen, suchte sich Lupus einige Steine am Boden des Baches aus, die noch nicht völlig vom Wasser überspült waren. Mit einer Hand sicherte er seine Schritte auf der moosbewachsenen Spitze des Felsens, während die andere Hand Angel und Kasten balancierte. Einen Moment stand er auf zwei schwankenden Steinen und versuchte das Gleichgewicht zu halten, als er plötzlich auf die Steinwand blickte und stockte: Was war das? Direkt über seinem Kopf sah es aus, als ob ein verwittertes Zeichen in die Felswand eingeritzt wäre. Er klemmte die Angel unter den linken Arm und versuchte, den festsitzenden Moosbelag vom Stein zu schaben. Zwei Buchstaben und ein Pfeil wurden sichtbar. Ein „E“ und ein „V”, darunter ein Pfeil, der in Richtung Westen zum Waldrand hin zeigte.
„Merkwürdig, was könnte das bedeuten?” Er beschloss, morgen früh von diesen Zeichen ein Photo zu schießen. Das ist doch schon Dutzende von Jahren alt, so verwittert wie das ist, überlegte er, während er auf der anderen Seite des kleinen Flusses ankam. Wenige Minuten später zappelte der erste Hecht, fast dreißig Zentimeter lang, an der Angel; zwei weitere Exemplare folgten. Gerd war mittlerweile mit dem Aufbau der Zelte fertig.
„Ich komme sofort”, rief Lupus dem Freund zu, der sich am Flussufer die Hände wusch. Er schulterte Fang und Ausrüstung und trabte zurück.
Norbert nahm die Hechte mit anerkennendem Blick in Empfang; er wollte sie gleich entschuppen, ausnehmen und bratfertig machen.
„Dann wollen wir mal”, sagte Gerd, nahm sich den Spaten und einen Teil der Hölzer und marschierte Richtung Waldrand.
„Riecht verdammt gut”, lobte Lupus den gestressten Koch im Vorübergehen. Unauffällig wollte er mit dem hölzernen Rührlöffel aus dem schweren, schwarzen Topf von den dicken Bohnen naschen.
„Lässt du vielleicht deine ungewaschenen Pfoten aus dem Essen! Nimm deinen Klappspaten und sieh zu, dass euer Scheißhäuschen in einer Stunde fertig ist. Mit Halter für die Papierrolle und Tür mit Herz, wenn ich bitten darf!” drohte Micha mit dem Schneebesen, mit dem er in einer Plastikschüssel Milch, Zucker und Puddingpulver zu einer cremigen Masse vermischte und in den auf einem Grillrost kochenden Milchtopf einrührte. Unter stetigem Rühren ließ er die süße Masse kurz aufkochen, immer in Panik, damit der Pudding nicht am Boden des Topfes anbrannte. Das durfte nicht passieren, es würde unweigerlich wieder zu heftigen Protesten der Spül- und Abtrockenmannschaft führen.
Gerd steckte bereits mit dem Spaten ein Geviert rund sechzig mal sechzig Zentimeter direkt am Fuß der glatten Steinwand ab, die halbmondförmig gut zwei Meter hoch am Waldrand stand.
„Einen halben Meter tief, das müsste reichen, oder? Ich fange schon einmal an zu graben; in der Zeit kannst du die vier Astgabeln auf gleiche Länge kürzen und unten anspitzen.”
Lupus suchte sich einen flachen Stein aus, um dort die Astgabeln mit der Axt zu bearbeiten. Vom Lagerfeuer unten war Klappern von Töpfen und Pfannen zu hören. Norbert war gut einhundert Meter flussabwärts mit dem Ausnehmen der Hechte beschäftigt. „What shall we do with the drunken sailor„ klang es, nicht schön, aber laut herüber. Lupus atmete tief durch: Mann, war das schön: Hier zu sein, und vor allem mit solchen Freunden!
Der Wind hatte sich schlafen gelegt, der Rauch des Feuers stieg in geschwungenen Windungen fast senkrecht in den Himmel. Die Sonne streckte ihre letzten warmen Finger durch die schlanken Pappeln und Birken am westlichen Flussufer; schmale Schatten malten schwarze Linien vom Waldrand bis zu der kleinen Kiesinsel, die in der Strommitte vom Wasser des Yukon fast überflutet wurde. Ein einsamer, gerupfter Busch klammerte sich mit langen, dünnen Wurzeln zwischen Sand und Kies bis tief in den Untergrund dieser steinernen Insel, deren Existenz lediglich einer momentanen Laune des unberechenbaren Flussgottes entsprang. Der gnadenlose Frost und das unerbittliche Eis, die das ruhige Flusstal in einigen Wochen für lange, dunkle Monate beherrschen werden, werden dieser tapferen Pflanze nicht den Hauch einer Chance auf diesem unfruchtbaren Steinhaufen inmitten des Yukon lassen. Ein Weißkopfadler thronte auf dem Wipfel der höchsten Lärche auf der anderen Seite des Flusses, schwankte leicht auf dem gebogenen Ast und beobachtete fast unbeweglich die rastlos arbeitenden Menschen auf der vorgelagerten Kieshalbinsel. Nur wenige Zentimeter bewegte sich der weiße Kopf mit den stolzen schwarzen Augen nach links, als er Norberts langen Weg mit den Fischen zurück zum Feuer beobachtete. Nur wundern konnte er sich über die hektischen, menschlichen Aktivitäten wie Zelte aufstellen, Feuer entzünden, Essen kochen, Gruben graben und Fische weit weg vom Lager ausnehmen, um nicht unnötig hungrige Bären auf den Platz zu locken.
Der letzte Strahl der versinkenden Sonne strich über seine weichen Federn und kitzelte seine Augen. Mit stoischer Ruhe drehte er den Kopf fast bis auf den Rücken, und seine scharfen Augen blickten über die weiten Wälder der Ebene bis hin zu den Sümpfen am Fuße der hohen Berge. Eine riesige Karibuherde, so konnte er von dort oben erkennen, zog am Rand der undurchdringlichen Sümpfe entlang zu den tiefer gelegenen Weideplätzen für den Winter. Ein alter, grauhaariger Grizzly folgte der Herde in gebührendem Abstand und hoffte, noch vor dem Einbruch des Winters sich mit einem toten oder schwachen Tier aus dieser Herde den Bauch voll schlagen zu können. Dann könnte er sich endlich in die höheren Abschnitte des Flusstals trollen, seine dunkle und warme Höhle vorbereiten und sich dort in seiner geschützten Lieblingsecke zum Winterschlaf zusammenrollen. Der nächste Sommer, das fühlte er, war der letzte für ihn. Seine Kräfte reichten nicht mehr aus, um auf die Jagd zu gehen, seine Augen und Ohren wurden schwächer, und seine Nase schien ewig verstopft. Vielleicht erwische ich im nächsten Frühjahr noch einen gutgenährten, unvorsichtigen Touristen, dachte er, während er hinter der Karibuherde immer wieder in die noch warmen Kothaufen der vorauslaufenden Tiere tapste.
„Lupus, kommst du bitte mal?” drang Gerds Stimme eindringlich in die besinnliche Stimmung des Freundes. „Hier ist irgend etwas in der Erde, was da nicht hingehört.”
Lupus ließ die Hölzer auf dem Stein liegen und kam die wenigen Meter bis zur Steinwand. „Was meinst du, Gerd, zeig mal!”
Gerd trat etwas zur Seite. „Ich komme an keiner Seite weiter, immer wieder stoße ich auf einen Gegenstand, der seltsam hohl klingt.”
„Eigentlich sind wir ja auch schon tief genug, du könntest aufhören zu graben. Ist wahrscheinlich ein großer Stein”, antwortete Lupus und stocherte mit dem Beil in der Grube herum. Mit dem Stiel klopfte er an mehreren Stellen auf den Boden: Immer wieder ertönte ein dumpfes, hohles Geräusch.
„Du hast Recht, das ist kein Stein. Hey, das ist ja richtig spannend hier, wahrscheinlich hat hier jemand eine Leiche im Sarg verbuddelt.” Und da fiel ihm plötzlich ein, was er vorhin dort hinten am Felsen gesehen hatte. „Wahrscheinlich sagst du jetzt, ich wäre nicht ganz richtig in der Birne, aber dort, wo ich eben geangelt habe, waren ein Pfeil und zwei Buchstaben in den Felsen geritzt. Der Pfeil zeigte genau nach hier, zu diesem Stein. Die Markierung ist garantiert uralt, jedenfalls völlig verwittert. Ein „E“ und ein „V“ hab' ich entziffert.”
„Schau' ich mir nachher gleich einmal an”, sagte Gerd. „Aber jetzt brauchen wir erst einmal mehr Licht und den zweiten Klappspaten.” Lupus legte die Hände als Trichter um den Mund: „Wir haben hier etwas gefunden und brauchen die große Taschenlampe und den anderen Spaten. Los, beeilt euch!” Sekunden später standen alle vier um die rechteckige Grube, während Gerd versuchte, die Grabung zu den Seiten hin zu erweitern. Inzwischen hatte sie alle das Schatzsuchfieber ergriffen.
Während Norbert mit der großen Lampe die Grube erhellte, wühlten die anderen mit den bloßen Händen in der Erde.
„Es scheint eine Kiste zu sein, ich kann mit den Händen so etwas wie Scharniere an der Seite ertasten. Leuchte mal hier in die Ecke, Proff!” Keine Reaktion.
„Norbert, leuchten, bitte!” Sie schauten zu Norbert hoch, der wie gebannt mit dem Strahl der Lampe einen Punkt auf dem Felsen beleuchtete, den er mit der anderen Hand von Moos und Flechten befreite. „Hier, schaut mal!” er fuchtelte nervös mit dem Lichtstrahl über die Steinfläche. „Hier sind zwei Buchstaben und ein Pfeil eingeritzt. Der Pfeil zeigt nach unten, in unsere Grube. Die Buchstaben heißen ...”
„E“ und „V”, stimmt's?” unterbrach ihn Lupus, worauf ihn alle erstaunt anstarrten. „Ich habe es vor wenigen Sekunden Gerd erzählt. An dem Felsen dort unten am Creek sind die gleichen Zeichen, nur der Pfeil zeigt nach rechts, also hierher.”
„Das wird ja immer mysteriöser”, murmelte Norbert und kratzte weiter an den Zeichen auf der Wand. „Ich habe auf meinen Studienreisen durch Südamerika einige Höhlen-malereien und Steinzeichnungen gesehen. Manche viele tausend Jahre alt. Die Inschrift hier ist noch relativ jung, aber kaum aus diesem Jahrhundert.”
Mit dem metallischen Stiel der Lampe schabte und kratzte er über den Stein, leuchtete auf die Moose und die Verwitte-rungsspuren und konstatierte: „Etwa 80 bis 120 Jahre alt sind die Einritzungen, würde ich sagen. Könnte mich aber auch irren, weil mir die klimatischen Verhältnisse und deren Einflüsse auf das Gestein in dieser Ecke der Welt nicht bekannt sind.”
Unterdessen hatten Lupus, Gerd und Micha den erdverschmierten Deckel einer stabilen Metallkiste freigelegt. Das Wachstuchgewebe, das die Kiste seit vielen Jahrzehnten umhüllte, war nur noch in Fragmenten erhalten. Mit dem kurzen Klappspaten legten sie die Seiten frei und erkannten, dass die Metallkiste direkt an der tief in der Erde steckenden Felswand anlag. Noch weitere zwanzig Zentimeter mussten sie graben, bis sie die stark verrostete Kiste unter dem Boden mit Hilfe von Stöcken und Spaten leicht anheben konnten. Mit Zweigen und einem alten Lappen reinigten sie die Oberfläche: Auf einer der genieteten Verstärkungen für die Ecken fanden sie wieder das ominöse „E“ und „V“ eingeritzt. Darunter befand sich eine vierstellige Zahl, die aber kaum noch zu lesen war. Die zweite Zahl konnte eine acht sein, die dritte war ziemlich sicher eine neun. Der Rest war nicht zu entziffern. „Wenn das eine Jahreszahl ist”, überlegte Micha laut, „dann muss das irgend ein Jahr zwischen 1890 und 1899 gewesen sein.”
Erstaunt über die rasche Auffassungsgabe eines Bankers schauten sie ihren Freund an, nickten mit den Köpfen und versuchten, seinen Gedankengang nachzuvollziehen. Schweigend starrten sie auf die schwarze Kiste, schauten in die Grube und betrachteten die Steinzeichnung, exakt zwei Meter über der Ausschachtung.
„Ach du Scheiße, mein Essen ist noch auf dem Feuer!” Micha schreckte hoch und setzte sich Richtung Outdoorküche in Bewegung. „Ihr fasst nichts an, bis ich zurück bin. Ist das klar?” rief er noch über die Schulter und spurtete los. Die anderen wuchteten die schwere Kiste hoch und schüttelten sie vorsichtig hin und her, rauf und runter. Außer einem dumpfen Poltern im Inneren war nichts zu hören.
„Gut zwanzig Kilo, würde ich schätzen”, stöhnte Norbert und wischte die erdverschmierten Hände im Gras ab.
Völlig außer Atem kam Micha zurück. „Das Essen ist gerettet. Soweit alles in Ordnung. Aber jetzt will ich wissen, was in dieser geheimnisvollen Kiste steckt!”
„Okay, tragen wir das Biest zum Feuer; dort haben wir Licht, Wärme und Werkzeug. Also los, jeder an einer Ecke anpacken und Abmarsch!” Zehn Minuten später hatten die verrosteten Scharniere den Widerstand aufgegeben. Mit einem Schraubenzieher, dem Klappspaten und einigen Fahrtenmessern ließ sich der Deckel anheben und nach vorne über die Schlösser wegbrechen.
Vier dunkle Beutel, alle etwa gleich groß, die mit einem erstaunlich intakten Wachstuch umwickelt und sorgfältig verschnürt waren, lagen auf dem Boden der rostigen Kiste. Sonst nichts. Vorsichtig stieß Lupus mit der Spitze des Fahrtenmessers unter das Wachstuch eines Beutels und zog die Reste ab. Es erschien ein massiver Lederbeutel, der an vielen Stellen fast durchscheinend dünn und brüchig war.
„Wie mein Turnbeutel früher in der Schule”, murmelte Gerd vor sich hin, während er auf den unförmigen Ledersack starrte. „Nur der war aus hellblauem Stoff, und dafür habe ich mich immer geschämt, jeden Freitag, wenn Sport war.”
„Los, aufmachen”, forderte Micha, der vor Ungeduld nicht mehr ruhig stehen konnte. „Was glaubt ihr, was da drin ist? Sicherlich kein Dörrfleisch, oder?”
Alle lachten befreit und warteten, bis Lupus die verschlungenen Knoten des Lederbandes geöffnet hatte. Er packte den Sack am Ende, hob ihn hoch, und herausrieselte ein hellgrau, metallisch glänzendes Pulver.
„Stopp, stopp, hör auf. Nicht weiter in den Dreck schütten! Wisst ihr, was das ist?” Micha war Lupus in den Arm gefallen, um ein weiteres Ausschütten zu verhindern. „Das ist Goldstaub, pures Gold!” rief er begeistert und klatschte in die Hände.
„Woran sieht man das, Micha? Das könnten doch auch Eisenspäne sein?” Norbert schaute seinen Freund fragend an.
„Unmöglich, Eisen oder anderes Metall wäre längst verrostet. Micha hat Recht, das kann nur ein Edelmetall, also Gold oder Silber sein”, erklärte Gerd.
„Hol' doch mal einen Topf, Micha, oder eine saubere Schüssel aus deinem Küchenschrank. Dann können wir den Beutel komplett ausschütten”, bat Lupus und packte den Beutel wieder am hinteren Ende. Sekundenlang rieselte der grobkörnige Staub in die flache Metallschüssel, bis plötzlich klimpernde Geräusche die Männer aus ihrer Erstarrung rissen. Goldklumpen, so groß wie Würfelzucker, polterten in die Schale, und kurz darauf fielen noch größere, unregelmäßig geformte Klumpen auf den Goldschaub und die kleinen Nuggets.
„Das darf doch überhaupt nicht wahr sein”, murmelte Norbert und rieb sich zum wiederholten Male die Augen.
„Ich glaube, ich bin hier im falschen Film. Pures Gold, ganz offensichtlich vier Beutel voll. Ich kann's nicht glauben. Auf diesen Schreck muss ich mir jetzt erst mal ein Bier holen.”
„Erst mal was Richtiges”, stoppte Lupus ihn und zog mit zitternden Fingern seinen Notfall-Flachmann aus der Innentasche der Weste. Er nahm einen tiefen Schluck Rum und reichte die Blechflasche weiter. Immer noch starrten sie auf die geöffnete Kiste, als Gerd mit vier Dosen Bier zurückkam. Er verteilte die Getränke, kratzte sich unschlüssig am Kopf und fragte in die Runde: „Hat irgendeiner von euch eine Ahnung, was so ein Beutel voll Gold überhaupt wert ist? Micha, hast du eine Vorstellung?”
Micha wog einen Lederbeutel in der Hand. „Wir müssten rausbekommen, wie schwer die Säcke sind, dann könnte ich den Wert grob über den Daumen peilen.”
„Wo ist das Problem, Männer. Wir haben doch die kleine Federwaage, mit der wir immer die Gepäckstücke vor dem Einchecken wiegen. Die geht bis zu fünfzig Kilo; einen ungefähren Wert bekommen wir damit.” Gerd trabte wieder los, um die Waage zu suchen.
„Jeder Sack gut vier Kilo, also insgesamt etwas über 16 Kilo Gold. Das muss doch ein Vermögen wert sein”, spekulierte Norbert, nachdem die Lederbeutel mehrmals gewogen waren.
„Zur Zeit”, wusste Micha, „liegt der Barrengoldpreis bei rund 25 – 28.000 DM pro Kilo. Das sind insgesamt mindestens 450, eher an die 500 Tausend Deutsche Märker, Freunde. Wobei die Reinheit und Qualität des Goldes natürlich eine wichtige Rolle spielt. Aber davon habe ich keine Ahnung. Kannst du das nicht einigermaßen beurteilen, Gerd? Du müsstest doch in deiner Ausbildung zum Agraringenieur damit konfrontiert worden sein, oder nicht?”
„Nur am Rande. Ich habe mir einige Nuggets eben etwas gründlicher angeschaut und würde sagen, dass sie von außergewöhnlicher Reinheit sind. An der Farbe des Goldes kann man oft auch den Fundort ablesen, aber hier bin ich überfragt. Alle mir bekannten Fundorte wie Alaska, Russland, Südafrika oder Südamerika lassen poliertes Gold matter und irgendwie durchsichtiger erscheinen. Diese Nuggets und Körner stammen also ganz offensichtlich nicht von einer bekannten Fundstelle, schon ganz und gar nicht aus den Goldfeldern des Klondike Rivers. Dieses Gold würde ich erkennen, weil ich meiner Frau zu irgendeinem Hochzeitstag von einem bekannten Juwelier ein kleines Amulett aus Dawson Gold anfertigen ließ. Aber mehr verstehe ich davon auch nicht. Ich bin Bauer und kein Geologe.”
„Okay”, sagte Lupus und legte den verbeulten Deckel wieder auf die Kiste. „Ich bin dafür, wir stellen jetzt erst einmal die Kiste und alle dazugehörigen Probleme zur Seite und hauen uns den Bauch mit Michas Dreigangmenü voll. Ich habe Hunger wie ein Scheunendrescher.” Der Wind hatte wieder aufgefrischt und blies den Männern immer wieder beißenden Rauch ins Gesicht, während sie wie Hühner auf der Stange nebeneinander auf einem Baumstamm saßen und in Gedanken versunken Salat, Bohneneintopf und Pudding verspeisten. Eine Kanne Kaffee war in Vorbereitung, als Lupus wieder zum Thema kam.
„Kann ich davon ausgehen, dass wir jetzt alle satt, zufrieden und um einige Märker reicher sind? Oder was würdet ihr vorschlagen, was wir mit unserem überraschenden Fund machen sollten?” Schweigendes Achselzucken. Norbert verteilte den Kaffee und starrte dann auch wieder in den fantastischen Sternenhimmel.
„E“ und „V“, sinnierte er, „das könnten Anfangsbuchstaben eines Namens sein oder die Initialen zweier Vor- oder Nachnamen, oder wer weiß was sonst noch. Aber damit kommen wir nicht weiter. Wir werden aller Voraussicht nach niemals erfahren, wer der oder die Besitzer dieser goldgefüllten Ledersäcke waren oder sind.

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